Review: BATMAN – EISIGE ZEITEN Paperback 8

Das aktuellste Paperback der Batman Rebirth-Reihe EISIGE ZEITEN folgt auf das eher ernüchternde Hochzeitsevent mit Catwoman und musste demnach nicht in größere Fußabdrücke treten. Dem Autor Tom King gelingt hier aber (erneut) etwas Großartiges. Zu Bestaunen gibt es zwei Geschichten in jeweils drei Kapiteln, die durch einen One-Shot voneinander getrennt sind und alle ihren eigenen Schwerpunkt besitzen.

©Panini Comics Deutschland

ERSTE HANDLUNG

EISIGE TAGE / COLD DAYS eröffnet das achte Paperback mit einer hochbrisanten Ausgangssituation, in die sich Bruce Wayne selbst gebracht hat und mitunter an dieser Entscheidung (ver)zweifelt. Batman hat nach dem Tod mehrerer Frauen in Gotham eine heiße Spur zum vermeintlichen Täter. Also hat er die Verfolgung aufgenommen und „Freeze wusste, dass Batman ihn jagte.“ Batman hat ihn auch relativ schnell gefunden, zertrümmerte ihm mehrere Knochen – vorzugsweise im Gesicht, bekam ein Geständnis von Mr. Freeze und lieferte ihn bei der Polizei ab.

Nun sollen alle glaubhaften Indizien zu seiner Verurteilung führen. Doch es gibt Zweifel. Zweifel durch Bruce Wayne, der sich selbst in den Geschworenendienst begibt, um sie mit elf anderen zu diskutieren. Und das ist der Kniff der abgeschlossenen Geschichte. Bruce versucht die Geschworenen von der vermeintlichen Schuldigkeit von Freeze abzubringen. Er stellt Batmans Handeln infrage und verteidigt den Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Urteil der Geschworenen muss einstimmig gefällt werden und Bruce ist der einzige im Raum, der Zweifel sät: „Sie sagen Batman hat sich geirrt. Dass er außer Kontrolle ist und inkompetent […] dann beweisen Sie es! Können sie das, Mr. Wayne?“ Wer könnte das wohl besser beurteilen als Batman selbst?

WORT & BILD

Ganz im Handlungsrahmen des Films DIE ZWÖLF GESCHWORENEN gibt es hier eine eindringliche und spannende Auseinandersetzung mit mehreren Problematiken, die schonungslos das Konzept von Batman kritisieren. Denn was passiert, „wenn wir Batmans Unfehlbarkeit einfach mal infrage stellen?“ Ist es tragbar, wenn der offizielle Obduktionsbericht der verstorbenen Frauen durch Batmans Eingreifen verändert wird? Wie ist ein umfangreiches Geständnis zu bewerten, das durch härteste Gewalteinwirkung eines Vigilanten erwirkt wird? Eben dieses hat Freeze mehrmals detailliert bestätigt, um es in letzter Instanz aber doch wieder abzustreiten. Batman wird zum Täter und Bruce zum einzigen Zeugen, der gegen sich selbst argumentiert. Für mich ist dieser selbstkritische Dreiteiler schon jetzt ein Klassiker. Diese Story ist unheimlich clever geschrieben, mit einer nostalgischen Farbgestaltung von Elizabeth Breitweiser, durch stimmungsvolle Zeichnungen von Lee Weeks illustriert und damit im Gesamten atmosphärisch in Szene gesetzt. Und wir haben hier einen Batman, der ausnahmsweise um seine Daseinsberechtigung und als Bruce mit Worten gegen sich selbst kämpft. Muss man gelesen haben!

©Panini Comics Deutschland

ZWEITE HANDLUNG

Der einfühlsame One-Shot erzählt uns in zeitlich wechselnden Rückblenden die Anfänge von Dick Grayson im Wayne Manor. Und behandelt auch den ausgebildeten Nightwing, der er geworden ist.

WORT & BILD

Es ist eine sehr lebhafte Schilderung eines trotzigen Jungen der mit dem herben Verlust seiner Eltern nicht umzugehen weiß. Und dem jungen Mann, der wiederum versucht, die erdrückende Schwere auf Batmans Schultern zu lindern. Als wolle er die positiven Erfahrungen im Wayne Manor ein Stück weit zurückgeben. DER BESSERE VON UNS / THE BETTER MAN schafft es die verbindenden Ängste und die Sorgen beider Charaktere zu verdeutlichen und ihren unterschiedlichen Umgang feinfühlig zu sezieren. Der eigenwillige Zeichenstil von Matt Wagner war hingegen weniger mein Fall.

©Panini Comics Deutschland

DRITTE HANDLUNG

Beinahe völlig konträr erleben wir in dem zweiten Dreiteiler SPUR DER BESTIE / BEASTS OF BURDEN eine sehr körperliche Geschichte. Sie begleitet das Dynamische Duo Nightwing und Batman anfänglich bei ihrer nächtlichen Routinearbeit. Dabei ist vor allem Nightwing unheimlich erfrischend, im Vergleich zum bisher eher schwermütigen Paperback. Seine Leidenschaft für streitbare (gute) Wortspiele und die glaubwürdigen Dialoge der beiden laden zum Aufatmen ein. Doch bekennenden Batman-Fans könnte schon der Gedanke gekommen sein, dass Tom Kings lockerer Einstieg der Erzählung ein Unheil droht. Und genau dieses schleicht sich in Form eines Mannes mit Armprothese unter offensichtlich falschen Begründungen in Gotham ein. Muskulöse Statur. Kurz rasiertes Haar. Spricht mit Akzent. Begeht auf einer 3×3 Panelseite sicherlich nicht seinen ersten Mord.

An dieser Stelle sei wirklich nicht mehr verraten, als dass ein unaufhaltsames Schwergewicht aus der Villain-Gallery Batmans dank Tom King etwas mehr Tiefgang als bisher üblich erhält. Das interessiert Batman im blutigen Finale allerdings gar nicht mehr.

WORT & BILD

Die Zeichnungen von Tony S. Daniel sind über jeden Zweifel erhaben. Hier stimmt wirklich alles. Lediglich die ungeheure Professionalität, in der er es schafft so nah an den Charakteren zu sein, könnte man ihm vorwerfen. Denn manche Szenen sind nichts für schwache Nerven. „Das sind meine eigenen Innereien. Reiß dir den Bauch auf und fress du die deinen!“ Da ist es für die Verdaulichkeit auch nicht hilfreich, dass S. Daniel seit seinem eigenen Comic-Run in BATMAN DETEKTIV COMICS aus dem Jahr 2011 seine Figuren noch detaillierter leiden lassen kann. Im letzten Kapitel wird dementsprechend auch nicht mehr viel gesagt, sondern die Taten werden lediglich durch abgekämpfte Lautmalerei ergänzt.

FAZIT

Ich bleibe dabei. Tom King ist hier wieder etwas Packendes gelungen. Und die beteiligten Künstler*innen illustrieren und kolorieren die fordernden Thematiken Selbstzweifel, Vertrauen und Rache hervorragend. Nach der holprigen Wiederverwertung aus dem siebten Band war ich skeptisch, wie es nun thematisch weitergehen würde. Doch meine Geduld auf dieses Paperback und mein unseriöses Urvertrauen in King haben sich ausgezahlt. Ich habe die über 160 Seiten nicht aus den Händen gelegt, bis ich das vorläufige schockierende und blutige Ende gesehen habe. Und so bleibe ich aber auch äußert (an)gespannt, in welches Wespennest da gestochen wurde. Mit dem Sammelband EISIGE ZEITEN erhält man einen Einblick in die Vielschichtigkeit, die es wohl bedeuten mag, wenn man sich dem Zeichen der Fledermaus verschreibt.

Das großartige Paperback ist auch ohne Vorkenntnisse ein Hochkaräter für Erwachsene und bei Panini zu haben.

Visual Noise
“You wanna get nuts? Come on! Let’s get nuts!” – Bruce Wayne (1989)

4 Kommentare

  1. Avatar Lars sagt:

    Danke für die Bewertung. Das Teil ist auch bei mir auf der Liste. Mal sehen, ob die Dame des Hauses demnächst zu meinem Geburtstag meine Wünsche berücksichtigt hat.

  2. H3llNuN H3llNuN sagt:

    Danke für die Review.
    Habe Sie nur überflogen da ich Angst vor Spoilern hatte 😀
    Da muss ich Mal die Batman Paperbacks aufholen, hänge ein wenig hinterher weil mir die Detective Comics aktuell besser gefallen haben (der Run um die Batman Armee sehr genial).

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