Review: Hachettes Batman: Die Chroniken des dunklen Ritters, Bände 15 – 17 und Premiumband 1

Ab der sechsten Lieferung von Hachettes großer Batman-Kollektion Die Chroniken des dunklen Ritters gibt es bei uns fortan regelmäßige Sammel-Reviews zu den einzelnen Comics. Den Anfang machen zwei Jahrzehnte alte Klassiker, die zwar zu den ältesten Geschichten der Auswahl gehören, sich ihren Status aber durch ihren bis heute reichenden Einfluss auf die Welt des Mitternachtsdetektiv verdient haben. Daneben erschien ein moderner Klassiker von Geoff Johns, der nicht nur manche TV-Serie, sondern auch das Universum um Matt Reeves‘ Epic Crime Saga maßgeblich geprägt hat. Im aktuellen Film-Universum spielt auch die Hauptgeschichte des ersten Premimumbands, dessen Inhalt wir euch hier vorgestellt haben. Nun viel Spaß mit den ersten Reviews zur Kollektion!


„Ihr Partner zu sein, ist nicht gerade die beste Voraussetzung, um einen solchen Verlust zu bewältigen.“
-Alfred Pennyworth

©Hachette

Der zweite Robin Jason Todd hat es nicht leicht. Nicht nur lehnte ihn die Fangemeinde und Leserschaft der 80er Jahre als Nachfolger von Dick Grayson weitgehend ab, er hat durch seine Impulsivität und unverarbeiteten Traumata auch mit seinem Ziehvater und Mentor Bruce Wayne immer mehr Schwierigkeiten. Zu Beginn der Geschichte gipfelt das in einer kurzweiligen Trennung, nach der sich Jason durch Spuren aus seiner Vergangenheit auf eine verzweifelte Suche begibt, die schließlich zu einer der größten Tragödien im Batman-Kosmos führen sollte.

Ein Todesfall in der Familie sieht dabei zunächst wie eine klassische zeitgenössische Geschichten aus den fortlaufenden Serien der späten 80er aus. Die Zeichnungen von Jim Aparo erfüllen die Standards und spätestens die etwas cheesigen Farben von Adrienne Roy weisen den Comic als Kind seiner Zeit aus. Man darf hier nicht den Kunst-Look der Graphic Novels oder von experimentelleren Geschichten wie Die Rückkehr des dunklen Ritters oder The Killing Joke erwarten, mit denen die 80er Jahre bisher in der Sammlung vertreten waren. Man darf sich aber ob der bunten Optik und dem Auftritt fantastischer Figuren wie Superman nicht von der Ernsthaftigkeit der Erzählung hinwegtäuschen lassen.

Denn Jim Starlins sechs Kapitel – die US-Hefte #426 und #427 hatten jeweils doppelte Länge von je zwei Kapiteln – decken sehr erwachsene Themen ab. Die Handlung ist düster, brutal und konsequent und scheut sich auch nicht davor, Themen wie des gleich zu Beginn ausgehebelten Verbrecherkartells oder Terrorismus aus Nahost zu behandeln. Was als spannende Detektivgeschichte beginnt, die von den inneren Konflikten von Bruce und Jason vorangetrieben wird, entwickelt sich zu einer zwar persönlichen, aber internationalen Mission, die das Dynamische Duo raus aus Gotham City und quer durch weit entfernte Länder führt.

Dabei ist es einzig etwas arg konstruiert, wie sich sowohl Bruce und Jason auf ihren eigenen Missionen im selben Land zum selben Zeitpunkt und am selben Ort direkt wiedersehen, gleichzeitig aber auch der Joker immer wieder genau dann auftaucht, wenn es die Story gerade benötigt, um voranzukommen. Es ist eben eine kleine Welt, wenn man sie als Autor mit einem begrenzten Figurenensemble schreibt, doch dass die Geschichte vorangeht, ist hier wichtiger als die große Zufälligkeit. Denn der explosive Ausgang, über den amerikanische Leserinnen und Leser seinerzeit telefonisch abstimmen durften – und der maximal knapp ausfiel – funktioniert noch heute und erschüttert selbst bei modernen Lesegewohnheiten.

Aufgrund der fehlenden künstlerischen Tiefe kann Ein Todesfall in der Familie zwar nicht ganz mit den anderen großen Titeln der 80er Jahre auch über das Medium Comic hinaus mithalten – nicht unerwähnt bleiben soll auch die klischeebeladene und überholte Gestaltung von Ländern im Nahen Osten und in Afrika sowie deren Bevölkerung. Als ungewöhnlicher Storybogen innerhalb der laufenden Batman-Heftserie sprengt Starlins Klassiker mit seiner Direktheit und Kompromisslosigkeit jedoch alle Erwartungen und hallt selbst bis in den aktuellen Status Quo nach. Für The Killing Joke (Band 5) und dem auf beiden aufbauenden Die drei Joker (Band 4) ist Ein Tod der Familie das dritte wichtige Puzzlestück für die dramatische Geschichte der Bat-Family mit dem Joker in Hachettes Titelauswahl.

Das zehnseitige Bonusmaterial in diesem Band gewährt mit der originalen Einladung, Jasons Schicksal telefonisch mitzuentscheiden und mit Skizzen der sonst anders verlaufenen Story, spannende Einblicke in eine einzigartige Publikumsabstimmung.


4 von 5 Bat-Heads


„Das ist ein Stoff für Fernsehen und Kino.“
-Harvey Bullock

©Hachette

Mit dem Erde Eins-Label erschuf DC einst ein Paralleluniversum, in dem die (Entstehungs-)Geschichten ihrer größten Heldinnen und Helden ohne die Grenzen der Kontinuität neu erfunden werden konnten. Den Anfang machte Batman im Jahr 2012 mit seiner mittlerweile zur Trilogie angewachsenen Graphic-Novel-Reihe von Geoff Johns, dessen umfangreiches Portfolio unter anderem Green Lantern, Justice League und Doomsday Clock umfasst.

Das bedeutet zwar, dass sich die geneigte Leserschaft im ersten der drei Bände ein weiteres Mal auf die oft erzählte Anfangsgeschichte um den Mord der Waynes einlassen muss. Die ist aber, so wie alle Elemente des Batman-Mythos, um erfrischende und teils überraschende Änderungen und Ergänzungen erweitert worden. Erde Eins, Band 1 entdeckt das eigentlich vertraute Setting um Bruce Wayne und seinen Kreuzzug gegen das Verbrechen auf neue Art für sich und wirkt dabei herrlich frisch.

Heraus sticht dabei vor allem Alfred Pennyworth, der hier so schlagfertig und kriegserfahren dargestellt wird, wie noch nie. Johns Version hat seitdem zahlreiche multimediale Darstellungen beeinflusst, von den Serien Gotham und Pennyworth bis zu den jüngsten Filmdarstellungen durch Jeremy Irons und Andy Serkis. Aber auch die Vorgeschichte der Familie Waynes, das Arkham Asylum, Verbündete wie Barbara Gordon, James Gordon und als Extremfall Harvey Bullock werden ebenso mit spannenden Neuerungen präsentiert, wie auch bekannte Gegner wie der Pinguin. Daneben gibt es auch brandneue Gegner, mit denen es der noch junge und strauchelnde Dunkle Ritter in dieser Inkarnation zu tun bekommt.

Der hochwertige Eindruck ist aber nicht nur dem neuen und modernen Ansatz zu verdanken, sondern vor allem der zeichnerischen Gestaltung von Gary Frank. Seine fotorealistischen, unglaublich detaillierten Bilder machen ihn zu einem der besten lebenden Comic-Künstlern, der hier ein schönes, lebendiges Werk erschaffen hat. Geoff Johns erzählt seine Graphic Novel wie einen modernen Kinofilm und Frank liefert die dafür nötigen cineastischen Bilder, um eine ähnlich tiefe Dramaturgie zu erzeugen.

Bei diesem Batman, der in seinen Anfangstagen steckt, sieht jeder Teil des Anzugs und jedes einzelne Gadget aus, als ob es genau so selbstgemacht auch in unserer Realität aussehen würde. Dieser Ansatz macht diese Version der Figur glaubhaft und nahbar, man spürt förmlich jede Bewegung des jungen Helden aus der Seite heraus. Dies ist ein Batman, den man fühlen kann, dem man hier bei seinen ersten Schritten beobachten kann und man gespannt sein darf, wo diese einzigartige Reise mit den nächsten modernisierten Schurken noch hingehen wird.

Leider gibt es diesmal kein Bonusmaterial am Ende des Bands. Das soll die finale Bewertung dieser besonderen Batman-Graphic-Novel aber nicht herunterziehen, denn sie verdient die volle Punktzahl.


5 von 5 Bat-Heads


Ich befreie die Menschheit von ihrer größten Bedrohung… von Batman.
-Commissioner Gordon?

©Hachette

Der 17. Band enthält statt einer größeren Geschichte insgesamt elf kurze Geschichten aus verschiedenen Ausgaben von 1969-1971, an denen der berühmte Comiczeichner Neal Adams beteiligt war. Die einzelnen Geschichten umfassen meist entspannte 15-16 Seiten, wobei zwei mit 23 Seiten etwas länger und eine Weihnachtsgeschichte mit 8 Seiten kürzer ausfällt. Die getroffene Auswahl entspricht dabei einer Art „Best-of“ von DC Comics bzw. Paninis dreibändiger, lange vergriffener Neal Adams Collection.

Der Aufbau ist dabei stets ähnlich und entspricht der Formel der langjährigen US-Serie Detective Comics, aus der ein Großteil der enthaltenen Auswahl entnommen ist. Auf den wenigen Seiten löst Batman stets eine Art „Fall des Tages“, der meistens gruseligere Szenarien mit übernatürlichen Elementen wie Geistern oder surrealen Traum-Episoden als Thema hat. Einzig der aufeinander aufbauende Mehrteiler mit dem Debüt des Schurken Kirk Langstrom alias Man-Bat umfasst mehrere Kapitel und bildet das Herzstück des Bands.

Insgesamt sind die Comics in diesem Band trotz der bearbeiteten Kolorierung mit Blick auf ihre Entstehungsjahre in mehr als nur einer Hinsicht aus der Zeit gefallen und bilden einen starken Kontrast zum sonst moderneren Output der Kollektion. Sie dürften mit Blick auf die übrige Auswahl sogar die insgesamt ältesten Werke überhaupt in Hachettes Auswahl sein. Nichtsdestotrotz ist es Neal Adams‘ revolutionäre Art, Bewegungen zu zeichnen und seine anatomischen Proportionen von Superhelden, die bis zu heutigen Comiczeichnungen nachwirken. Sein Einfluss, der die gesamte Branche prägen sollte, ist hier in diesem Band an der Schwelle zwischen dem Silver Age und dem Bronze Age bereits erkennbar. Vor allem in Nahaufnahmen von Gesichtern dominieren seine starken Linien und Schatten, in Totalen und Actionszenen verwendet er hingegen spielerische Perspektiven, mit denen er vielen Kolleg*innen voraus war.

Ansonsten ist der vorliegende Band aber nichts weltveränderndes und enthält für die von genialen Batman-Klassikern verwöhnte Leserschaft auch keine besonders einprägsamen Storys. Batman von Neal Adams ist für nostalgische Fans von DC Comics aus den späten 60er und frühen 70er Jahren, in denen Batman nur blau-grau trug und auf den Comicseiten trotzdem ein angenehm düsterer Gegenpol zur albernen TV-Serie sein durfte. Damit bleibt der Band aber eine seltene Ausnahme innerhalb der Chroniken des dunklen Ritters, der aber zumindest einen Blick auf diese Ära des Helden wirft.

Als Bonusmaterial ist am Ende eine zehnseitige Cover-Galerie enthalten, die eine Auswahl von Neal Adams‘ Titelbildern für weitere Batman-Hefte abseits der enthaltenen Ausgaben zeigt.


3 von 5 Bat-Heads


„Sonst hinterlässt er immer Hinweise. Diesmal nicht.“
-Batman

©Hachette | Foto von Max Mohr

Der erste von insgesamt sechs angekündigten zusätzlichen Bänden, die beim Abschluss eines teureren Premium-Abos regelmäßig mitgeliefert werden, widmet sich Edward Nygma/Tierney/Nashton, dem Riddler. Enthalten sind dabei zwei Geschichten aus den letzten Jahren, die sich als zwei brutale und psychologische Versionen der Vorgeschichte des Riddlers verstehen.

Die erste davon ist das von der klassischen Comic-Kontinuität losgelöste One Bad Day: Riddler – Zügel des Schreckens von Tom King, bekannt als Hauptautor der Batman-Serie von 2016-2019 und durch Supergirl: Woman of Tomorrow, der Vorlage des in Kürze startenden Kinofilms. Und wenn „Tom King“ draufsteht, dann bedeutet das in den meisten Fällen, dass man auch Tom King bekommt. Das bedeutet: viele, viele Dialoge, seitenlange Voice-Over, bei denen oft erst nach mehrfachem Umblättern enthüllt wird, wer überhaupt gesprochen hat, Dekonstruktionen bekannter Charaktere bis an den Rand der Unkenntlichkeit und eine große Portion künstlich herbeigeführter Gravitas.

Entweder mag man das, oder man findet es völlig unpassend. Visual Noise zum Beispiel gefiel die Story zum Beispiel überhaupt nicht, wie man in seiner Review zur deutschen Erstveröffentlichung nachlesen kann. Mich hingegen erreicht die Bedrohlichkeit in der Geschichte, die durch die beklemmende Atmosphäre und die grandiosen Zeichnungen von Mitch Gerads verstärkt wird. Was auf beiden Ebenen erzählt wird, in der Vorgeschichte des Riddlers sowie seiner (vielleicht?) letzten Konfrontation mit dem dunklen Ritter in der Gegenwart, ist entsetzlich und inhaltlich schwer zu ertragen. Damit kann King zwar über weite Strecken stark in den Bann seiner Geschichte ziehen, jedoch versäumt er es auch, sie irgendwo hinzuführen und sinnvoll aufzulösen. So bleibt es am Ende beim irritierenden Versuch, dieselbe Wirkung des Endes von The Killing Joke durch die beinahe exakt kopierte erzählerische Form zu erreichen.

Als zweites ist im Band die deutlich längere Geschichte Der Riddler: Das erste Jahr enthalten. Als bislang einziger Comic, der im Reeves-Kosmos spielt, ist er ein Must-Read für alle Fans von The Batman und The Penguin. Hier wird das im Kino und der Serie gezeigte Gotham City über die Medien hinweg weiter ausgebaut. Auch gibt es in kurzen Auftritten mehr von Robert Pattinsons Version der Fledermaus zu sehen. Vor allem darf sie aber als Vorgeschichte von Paul Danos serienkillender Version des Hauptschurken nicht verpasst werden.

Der drehbucherfahrene Dano selbst ist es auch, der diesen Comic verfasst hat. Streckenweise liest er jedoch eher wie verworrene Method-Acting-Notizen des Schauspielers als wie eine sechsteilige Comic-Miniserie. Für die zweite Hälfte pausiert gar die eigentliche Handlung und stattdessen gibt es Seiten über Seiten Einblicke in Schriftstücke des späteren Riddlers, wie sie Batman und Gordon auch im Film in die Hände fallen. Das ist faszinierend, nach einer Weile aber auch wieder anstrengend, wenn dabei die Fortführung einer nachvollziehbaren Handlung auf der Strecke bleibt. So ist die Lektüre am Ende ähnlich verwirrend wie der Verstand des Titelcharakters.

Dabei ist es durchaus spannend, Edwards Werdegang seit seiner Kindheit zu sehen und zu verstehen, auch wenn es sich ab einem gewissen Punkt im Surrealismus verliert. Der Serbe Stevan Subic ist aber genau der richtige, wenn es um die Darstellung von beidem geht. Wie schon in der ersten Geschichte im Band passen die düsteren und vielschichtigen Zeichnungen zum Abstieg eines äußerst klugen Kindes hinab in die Dunkelheit, ein Mörder zu werden. Auch wenn das Ende etwas plötzlich kommt und ohne viel Aufbau die Brücke zum Anfang der Filmhandlung und Edwards Masterplan geschlagen wird.

Insgesamt sind beide Geschichten im ersten Premimumband sehr erwachsene und künstlerisch wertvoll anzuschauende Comics, aber alles andere als leichte Unterhaltung. Beide bilden faszinierende, moderne Blicke auf den Riddler als tödliche Bedrohung und seine Motive, scheitern aber aus unterschiedlichen Gründen daran, voll und ganz zu überzeugen.


3½ von 5 Bat-Heads

Tipp: Wenn ihr an noch mehr Meinungen zu diesen beiden Geschichten interessiert seid, hört in die beiden BatCats dazu rein.


Ein großes Dankeschön an Hachette für die Zusendung der Review-Exemplare.

Stimmt ihr denn mit den Meinungen zu den vier Bänden überein oder seht ihr das ganz anders? Die Kommentare stehen euch offen!

Wolle
Wollehttps://jedi-bibliothek.de
Wolles erster Kontakt mit der Fledermaus war im Jahr 2011 "LEGO Batman: Das Videospiel". Kurz darauf tauchte er mit dem Start der New 52 und TDKR im Kino vollends in die Welt des Dunklen Ritters ab, die ihn seitdem nicht mehr los ließ. Die Arkham-Videospiele sind und bleiben für ihn die beste Version von Gotham City.

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