Diese Ausgabe unter der DC PRIDE-Flagge versammelt wieder allerhand Kurzgeschichten. Dabei finden sich auch Beiträge von Grant Morrison und Kevin Conroy. Es lohnt sich … öfter!

Titel:
DC PRIDE (2022 – 2024)
Enthaltene Titel:
DC Pride (2022): The New Generation, DC Pride (2023): Better Together, DC Pride (2024), DC’s Harley Quinn Romances #1, DC Pride Tim Drake Special #1
Autor*in: Meghan Fitzmartin, Kevin Conroy, Devin Grayson, Grant Morrison, Al Ewing, Phil Jimenez, Belén Ortega, Stephanie Phillips u.a.
Künstler*in: Skylar Patridge, Stephen Byrne, Travis Moore, Max Sarin u.a.
Colorist*in: Enrica Angiolini, Tamra Bonvillain, Stephen Byrne, Nick Filardi, Paulina Ganucheau, Luis Guerrero u.a.
Verlag: Panini
Seiten: ca. 232
Softcover: 29,00 €
Hardcover: 49,00 €
Status: abgeschlossene Einzelgeschichten
Erschienen am 20.05.2025
©Panini Comics Deutschland
Wie in der Review zum ersten bei Panini erschienenen DC PRIDE-Sammelband vermutet, ist ein zweiter Ableger erschienen und vereint wieder zahlreiche Kreative. Natürlich stehen die Kurzgeschichten thematisch für den Wunsch nach einer offeneren und respektvolleren Gesellschaft im Miteinander allgemein, aber eben auch speziell für das Aufbrechen von etablierten Geschlechterrollen und Geschlechtsidentitäten.

Panini Comics Deutschland hat uns ein Rezensionsexemplar zukommen lassen. Dafür noch einmal ein herzliches Dankeschön. Ein Dankeschön geht aber auch an die Kreativen hinter den Geschichten. Natürlich schwebt da eine namentliche Größe wie Kevin Conroy (†10. November 2022) über allen anderen. Seine Synchronsprecherrolle als Batman in der Animated Series, der Arkham-Spielreihe und zahlreichen Filmen hat ihn vor allem für Batman-Fans unsterblich gemacht. Und es sind Beiträge wie seiner in diesem Sammelband, die einen fassungslos zurücklassen. Stellvertretend für viel zu viele Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert und angefeindet werden, hat Conroy einen sehr ehrlichen, erschütternden und unfassbar intimen Beitrag hinterlassen, der auf noch ganz anderen Ebenen zu berühren weiß.
„Die Transzendenz des Gewöhnlichen – darum geht es beim Queersein.“
Aber auch ein anderer bekannter Name fällt in der langen Liste der Kreativen sofort ins Auge. Grant Morrisson ist vor allem, aber nicht nur, bekannt für thems Arbeiten mit Superman, der Doom Patrol und den unfassbar starken Geschichten mit Batman und seinem Sohn. They selbst versteht sich als non-binär. Deswegen verwende ich im Text auch die Pronomen they/them, wenn es um Grant Morrisson geht. Mit dem Begriff non-binär soll davon abgesehen werden, die Geschlechtsvorstellung rein auf den biologischen Aspekt zu reduzieren, sondern die gesellschaftliche Zuschreibung und die eigene Wahrnehmung mit einzubeziehen, um ein weniger einschränkendes Geschlechtsspektrum zu eröffnen.

Wer schon jetzt nichts damit anfangen möchte, spart sich am besten die Ausführungen dazu in DC PRIDE und lässt auch die Finger von VIELFALT DER LIEBE. Denn der Nachfolger-Sammelband ist deutlich menschlicher und damit intensiver geworden. Hinter jeder Geschichte einer heldenhaften Figur steckt nun mal auch ein verletzlicher Mensch mit Ängsten und Hoffnungen, der teilweise seine ganz eigene Heldenreise vor sich hat oder von seinen persönlichen Heldentaten kreativ berichten kann.
MÜDER EINSTIEG

Leider beginnt der Sammelband mit vor sich hinplätschernden und romantisierten Geschichten über das Anderssein und die verschiedenen Ausprägungen der queeren Community. Dabei stehen häufig die Söhne der großen Fanlieblinge im Fokus. Den Anfang machen Jonathan „Jon“ Kent (Sohn von Lois und Clark) und sein Kumpel Damian (Sohn von Talia und Bruce). Jon ist bisexuell und traut sich nicht richtig auf die Pride-Parade. Das ist vor allem aufgrund des Gegenpols Damian ziemlich charmant. Für ihn macht es keinen Unterschied wer wen liebt. Es scheint ihm sogar völlig egal zu sein. Und dabei zeigt er ungewöhnlich viel kalte Empathie, wie ich finde. So beichtet Jon seinem Schwarm seine Bedenken, weil er nicht weiß, wie sein Vater über seinen öffentlichen Auftritt denken würde. Aus dem Off, ohne ihn auch nur dabei anzusehen, kommentiert Damian trocken …
„Er würde es lieben, weil du es wärst …“
Damian wird ebenfalls auf den asexuellen Connor Hawk (Sohn von Sandra und Oliver), der zeitweise die Nachfolge als Green Arrow angetreten ist, losgelassen. Auch hier überzeugt Damian durch seine bloße Akzeptanz der Realität mit schnittigem Charisma und verhilft Connors Coming-Out schon beinahe zur beiläufigen Normalität.
KLEINERE PERLEN IM OZEAN DER GESCHICHTEN
Der bekannteste Schwule im modernen DC Universum dürfte wohl Jackson Hyde sein. Der akuelle Aquaman, Sohn einer Atlanterin und Black Manta, bekommt hier aber lediglich eine „First-Kiss-Story“ ohne speziellen Kniff. Dafür punktet die knapp vierseitige Geschichte um Batwoman mit einer unerwarteten herzerwärmenden Wendung und zusätzlich noch mit einer guten Portion Action. Es ist wirklich erstaunlich, was Stephanie Phillips Schlaues auf den wenigen Seiten zu erzählen weiß. Sie würzt sogar noch eine Prise Mahnung zur Wichtigkeit der jungen Generation mit hinein.

Leider geht es weniger stark weiter und wir bekommen eine eher alberne Geschichte von Travis Moore und einer darauffolgenden immerhin visuell einprägsamen Geschichte (gezeichnet von Zoe Thorogood, koloriert von Jeremy Hidalgo und geschrieben von Dani Fernandez) mit dem ambivalentem Pärchen Poison Ivy und Harley Quinn. Diese fällt gewohnt frecher aus. Dieses Pärchen ist natürlich ein absoluter Publikumsliebling und besticht durch seine unbekümmerte Positivität. Deswegen lassen sich auch gleich drei unabhängige Geschichten mit den beiden finden. Auch wenn danach nicht viel mehr bleibt als ein Schmunzeln, ist diese Abwechslung innerhalb des Sammelbandes sehr erfrischend und wird dem anvisierten Begriff der Vielfalt auch gerecht. Doch jetzt müssen wir über die Fledermaus im Raum sprechen.
DIE FLEDERMAUS IM RAUM
Kevin Conroys Kurzgeschichte FINDE BATMAN ist tatsächlich eines der richtigen Highlights dieses Sammelbandes. Dabei hilft ihm zu keiner Zeit sein mit Nostalgie aufgeladener Name. Wenn wir die bekannten offiziellen Fakten einmal beiseite lassen, zeigt seine Geschichte einen sehr persönlichen Einblick in Conroys Leben, vor seinem wohl berühmtesten Job als Legende. Genau genommen nimmt er uns mit auf die Reise durch seine traumatisierende Kindheit, die überfordernde Jugend und die Schwierigkeiten des Erwachsenseins in einer sehr ehrlichen Authentizität. Nur nebenbei streut er seine eigene Homosexualität mit ein und zeigt damit im Gesamtpaket auf eine Vielzahl von Schwierigkeiten, an deren Spitze nicht die Homosexualität selbst steht. Der Umgang mit der sexuellen Präferenz innerhalb seines sozialen Umfeldes ist lediglich einer der unfairen Tropfen, der das Fass voller Widrigkeiten zum Überlaufen bringt. Und mich total sprachlos das Ganze nicht fassen lässt.
„Ich stellte mir mich selbst als der Junge Bruce vor,
wie ich meine Eltern vor mir sterben sah.
Ich sah, wie sie im Schmutz in ihrem eigenen Blut lagen.
Ich sah meinen Vater,
wie er betrunken in seinem Blut lag.“
Derartige Geschichten haben mir im vorherigen Sammelband gefehlt. Und dennoch war mir Conroys Geschichte beinahe etwas unangenehm. Sie bildet völlig ungeschönt seine dramatische Realität ab und verzichtet dabei auf typisch überspitzte Comic-Narrative. Hier bekommt die interessierte Leserschaft einen kurzen Einblick in die leidvollen Lebensabschnitte eines Mannes, der Generationen von Comic- und Videospielfans begleitet und begeistert hat – und er war schwul. Leider ist Conroy an den Folgen seiner Krebserkrankung im November 2022 mit 66 Jahren gestorben. Davon hat er lediglich 6 Jahre seine Homosexualität offen gelebt.
„Als Bruce hielt ich sie,
tröstete sie in meinen Armen …
… als Kevin wiegte ich meinen um sein Leben ringenden Vater„
Er hinterlässt den Fans eine unsterbliche Darbietung als Batman, seine Autobiografie FINDING BATMAN und eben auch die hier vorliegende Kurzgeschichte über sich und sein Leben in Comicform. Das Artwork von J. Bone ist sehr schlicht gehalten und unterfüttert noch einmal den unironischen Ton dieser Erzählung. Ich möchte diese wirklich allen Menschen ans Herz legen.
FAZIT: ZUSAMMENHALT IN DER VIELFALT
Das Verständnis von Vielfalt wird durch einen längeren Storyabschnitt rund um Tim Drake noch einmal besonders hervorgehoben. DIE SUMME UNSERER TEILE, DAS WEIHNACHTSLIED DER FLEDERMAUS und DER ELEFANT IM RAUM beschäftigen sich zwar thematisch mit Drake und seiner Bisexualität, aber weben diese sehr zufriedenstellend in klassische Robin-Kost. Einmal geht es um die Aufklärung mehrerer Entführungen, ein anderes Mal um den Kampf gegen Tusk, die Beziehungsgeflechte zu Nightwing, Spoiler oder Black Bat alias Cassandra Cain. Der rote Faden ist allerdings immer sein Schwarm Bernard. Das hat der vorherige Sammelband unter dem DC PRIDE-Banner nicht so leichtfüßig hinbekommen und wirkte eher bemüht die queeren Themen als Normalität zu transportieren.

Auch wenn ich nicht alle Kurzgeschichten im Detail besprechen möchte, tragen auch die nicht namentlich genannten ihren Teil zum Gesamtkonzept bei. Allerdings fallen sie im direkten Vergleich nicht so einprägsam auf. Oder so unangenehm wie die von Jarrett Williams. Nach seiner extrem naiven und vor pubertierenden Teenager-Gesülz triefenden Geschichte wird es dann noch einmal richtig emotional.

Phil Jimenez, der auch das Vorwort zum vorliegenden Band geschrieben hat, skizziert seine eigene Homosexualität mit der künstlerischen Freiheit und den fantasievollen Spielmöglichkeiten im Medium Comic. Dabei ergründet er seine eigenen Spielregeln als Kreativer und erklärt seinem kindlichen Ich, warum auch bevorstehende Veränderungen keinen Rückschlag, sondern eine Chance für jemand anderen sein werden. Die klare Strichführung von Guilo Macaione wird von wenigen Pastelltönen begleitet und beenden somit ehrlich, wenn auch nostalgisch idealisiert, diesen abwechslungsreichen Sammelband.
BEWERTUNG
Man muss dem Sammelband VIELFALT DER LIEBE zugestehen, dass er vieles besser macht als sein Vorgänger. Er ist von der Tonalität abwechslungsreicher, beinhaltet auch mal eine längere Geschichte und findet mit den Robin-Inkarnationen einen guten roten Faden, der sich immer mal wieder aufgreifen lässt. Nichtsdestotrotz gibt es auch einiges, was wieder nicht funktionieren möchte. Zum Beispiel habe ich Grant Morrisons Story lediglich zur Kenntnis genommen. Weder optisch noch inhaltlich konnte ich thems Erzählung greifen. Leah Williams Kurzgeschichte mit Lobos Tochter Crush ist zwar wirklich witzig geschrieben, hebt sich aber durch Paulina Ganucheaus Zeichenstil unangenehm ab. Allerdings wird man auch wieder von den fantastischen Zeichnungen von Max Sarin (HARLEY QUINN – FLITTERWOCHEN UND ANDERE KATASTROPHEN) verwöhnt und und und …

Zusammen mit einer ausgewählten Variant-Cover-Galerie und dem sehr persönlichen Vorwort von Phil Jimenez vergebe ich gern vier von fünf Bat-Heads in der Gesamtwertung. Zu haben gibt es dieses Paperback von DC PRIDE bei Panini Comics Deutschland. In einer Zeit, in der unklar ist, ob und wie sich die World Pride-Festlichkeiten 2026 überhaupt in Washington D.C. umsetzen lassen werden, ist dieser Sammelband ein wichtiges Zeitzeugnis. Es bezeugt den Wunsch nach Akzeptanz, Toleranz und einer Vielfalt der Liebe.




4 von 5 Bat-Heads

EINZELWERTUNG IM ÜBERBLICK
SUPER PRIDE – 3
DENK AN MICH – 2,5
EINE WELT NUR FÜR MICH – 1,5
BATS IN THE CRADLE – 4,5
SONDERLIEFERUNG – 2,5
DIE JAGD – 3,5
FINDE BATMAN – 5
DIE SUMME UNSERER TEILE I – 4
DIE SUMME UNSERER TEILE II – 4
DIE SUMME UNSERER TEILE III – 4
DAS WEIHNACHTSLIED DER FLEDERMAUS – 3,5
DER ELEFANT IM RAUM – 3,5
DAS BLITZSCHNELLER HERZ DER LIEBE – 2
JETZT SIND WIR ZU DRITT – 3
HALLO, FREMDER – 3
SCHRÄGER ALS FANFICTION – 4,5
MEINE BESTE WAHL – 4
HALLO, STERNENMANN – 3,5
DIE FLÜSSE UND SEEN; DIE DU KENNST – 2,5
UNTERWEGS IN A-TOWN – 1
RÄUME – 4,5



Mir hat vor allem die Tim Drake Story richtig gut gefallen. Vor allem, weil es zu einer Aussprache zwischen Steph und Tim kommt. Weil man sich Leser immer wieder gefragt, er ist, jetzt in diesen Jungen zusammen, was ist jetzt mit Steph? Und wie Steph reagiert, wie es zu Ende gebracht, und das alles Herzschmerz, Vorwürfe und Streit. Einziger was stört, ist das wir dieser die Batgirls zu sehen kriegen, aber ihren Solocomicserien nie in Deutschland veröffentlicht wurde.
Da stimme ich dir zu. Die Storyline um Tim Drake hat dem Sammelband (wie beschrieben) sehr gut getan. 😁