Review: Arkham City – Stadt des Wahnsinns

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

Friedrich Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse

Titel: Arkham City – Stadt des Wahnsinns
Original: Arkham City: Order of the World” #1 – 6 & Material aus „Batman: Urban Legends” #8–10

Story: Dan Watters
Artwork: Dani, Nikola Cižmešija
Farben: Dave Stewart, Ivan Plascencia

Verlag: Panini
Seiten: 196
Preis: 24,- € (Softcover)
37,- € (limitiertes Hardcover)

VÖ: 16.08.2022


Bevor wir uns mit der Hauptstory beschäftigen, werfen wir einen kurzen Blick auf das äußerst deplatziert wirkende Intro von „Arkham City – Stadt des Wahnsinns“.

Panini hat interessanterweise an den Beginn des Bandes die Story „Azrael – Der Dunkle Ritter der Seele“ („Azrael – Dark Knight of the Soul“, ursprünglich erschienen in „Batman: Urban Legends“ #8-10) gesetzt. Die Geschichte begründet gewissermaßen die Rückkehr Jean-Paul Valleys als Azrael in die reguläre DC-Kontinuität und war in meiner Wahrnehmung (allein schon wegen desselben Kreativteams) eher das Warm-Up für die neue Soloserie des Racheengels, mit dem tradierten Titel „Sword of Azrael“. Deren erstes Heft habe ich hier besprochen. Dort habe ich auch schon ein paar Worte zu „Dark Knight of the Soul“ verloren. Ich schrieb unter anderem: „Die Geschichte ist ganz nett, aber weder die alten Hasen noch Neuleser brauchen diese tatsächlich“.

©Panini Comics Deutschland

Das sehe ich nach wie vor so. Azrael ist wieder in Gotham. Punkt. Alles andere ist überflüssig, stört aber nicht, wenn man was mit Assassin’s Creed oder Dan Brown anfangen kann. Blöderweise hat Panini in seiner Leseprobe 10 Seiten eben genau jener Geschichte veröffentlicht. Das ergibt überhaupt keinen Sinn, denn die Hauptstory (die weit mehr als 80 % des Bandes einnimmt) nimmt keinerlei Bezug auf das Racheengel-Amuse-Gueule. Zudem ist sie (als auch die Charakterisierung Azraels) völlig anders gestaltet; also völlig; sowohl in der Art der Erzählung, als auch im Artwork. Was Panini zu dieser Entscheidung bewog? Wir werden es wohl nie erfahren. Panini hingegen soll dennoch meinen Dank erfahren und zwar für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

INHALT

Dr. Jocasta Joy ist Dreh- und Angelpunkt innerhalb der eigentlichen Geschichte. Sie ist die einzige Überlebende des Behandlerteams im Arkham Aslyum, das am sogenannten A-Day einem furchtbaren Giftgasanschlag anheimfiel.

Joy kennt viele der nun ebenso verstorbenen Insassen und auch jene, die aufgrund des Unglücks der Anstalt entflohen. Die Psychiaterin soll nun der Polizei bei deren Jagd nach den Kriminellen behilflich sein. Doch was nach einer gewöhnlichen Episode von „Criminal Minds“ klingt, entpuppt sich schnell als Katz- und Maus-Spiel entgegengesetzter Interessen sowie als für einige Lesende sicher unbehagliches Abtauchen in die Untiefen der menschlichen Psyche. Wie schon erwähnt, taucht auch noch Azrael auf, sodass schließlich für alle Beteiligten ein Motto über allem steht: „Die Jagd ist eröffnet

©DC Comics | Variant-Cover zu Ausgabe #3 von Gary Frank

Seit Langem werden jene, die als verrückt gelten, weggesperrt, weil sie lästig sind. […] Die Gesellschaft fürchtet jene, die sich nicht einfügen, als wären sie Ungeziefer. Als wären sie ansteckend. Als könnte sich ihr Wahnsinn – ihr Ausgestoßenen-Status – auf uns übertragen.

– DR. JOCASTA JOY

WERTUNG

Der Ansatz ist äußerst interessant und die Geschichte entfaltet sich mit der Zeit so, dass man unbedingt wissen will, wie es weitergeht. Doch der Band eignet sich nicht unbedingt für zarte Gemüter. Man muss Schreckliches erfahren und auch mit ansehen; ganz abgesehen vom eigenen Kopfkino. Es handelt sich hier vordergründig immerhin um flüchtige Verbrecher; die hier zum Teil sehr schön ergründeten Ursachen dafür sind zunächst nachgeordnet. Umso schöner ist es, dass man es mit sonst weniger prominent platzierten Gegnern zu tun hat. Das hält auch die Spannung oben, weil man üblicherweise noch nicht sehr tief in die Geschichte oder den Kopf dieser Rogues hat vordringen können.

Wirklich gelungen ist auch der Kontrast zwischen Dr. Joy, die eher ihre Patienten schützen will und der Polizei. Diese wird vertreten durch den offenbar vornamenlosen Detective Stone, der beeidet hat, von den unschuldigen Bürgern Gotham Citys jede Gefahr abzuwenden.  An einer Stelle bringt es Stone auf den Punkt: „Wir beide wollen Menschen schützen. Wir müssen einen Mittelweg finden.“ Und das ist gar nicht so einfach, bei diesen zwei Menschen mit sehr festen Prinzipien. Denn schnell wird auch klar, beide sind parteiisch und mindestens eine(r) von ihnen ist bereit, wichtige Grenzen zu überschreiten, um ihre/seine Partei und Prinzipien zu verteidigen.

Genauso ein Blutbad hatte ich befürchtet. Vor ’ner Woche war er vermutlich noch ’n normaler Typ. Hat vielleicht heute Morgen noch seine Familie Frühstück gemacht. Dann fiel er Mad Hatter in die Hände. […] Die Bürger von Gotham haben ein Recht, zu wissen welche Gefahr über ihnen schwebt.

– DETECTIVE STONE

Diese Dynamiken als auch die Charaktere sind sehr schön ausformuliert, sodass man sich in die meisten Figuren hineinversetzen kann und gleichzeitig die Story stets voranschreitet. Einzig Azrael scheint hier etwas überzogen fanatisch und damit fast out of character zu sein. Dadurch wirkt er hier und da wie ein bloßes Plot Device. Das ist für den Azrael-Sommelier zwar schade, die meisten anderen Leser werden die abweichende Darstellung aber wohl kaum bemerken. Schließlich wird der Racheengel in seiner Rolle ziemlich rund in die Gesamtgeschichte eingepflegt. Und die ist – wie beschrieben – wirklich außergewöhnlich.

Der Titel „Arkham City“ ist kein bloßer Verkaufstrick, sondern wird bald mit Sinn gefüllt. Selbst der Untertitel „Stadt des Wahnsinns“ trifft dieses Mal uneingeschränkt zu. Denn von Wahn liest man hier viel und man liest es auch gern. Autor Dan Watters hat sich offenbar hinreichend mit Wahn und Wahnsinn beschäftigt und bindet über die ständigen Monologe und Dialoge zu dem Thema gleich auch Mystizismus und magisches Denken mit der Historie der Stadt sowie mit der Geschichte von Amadeus Arkham und seiner Anstalt zu einer ganz besonderen Erzählung zusammen. Das ist geschickt, es ist erfrischend und für jeden Batman-Fan, der schon ein paar Sachen dazu gelesen oder gehört hat (z. B. „Batman – Arkham Asylum” oder die Arkham-Spiele) ist es eine großartige Möglichkeit, seinen Horizont an dieser Stelle zu erweitern. Mich hat das ziemlich begeistert. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass Andere, die diese Themen nicht so interessieren, schnell der Überdruss packt.

©DC Comics

Mir ging es zu Beginn mit dem Zeichen-Stil so. Ich erinnere mich daran, dass ich ihn anfangs nicht wirklich mochte (Link zu lr ersten Review). Aber da hatte ich mich offenbar nicht richtig ins Gesamtkonzept eingefühlt oder ich habe mich nun schlicht daran gewöhnt.

Denn zu der ungewöhnlichen Geschichte passt das Artwork von Zeichnerin Dani und von Kolorist Dave Stewart wie die Faust aufs Auge. Die Story soll Ekel und Furcht, aber gleichzeitig Faszination erzeugen, transportiert über seine Hauptfigur(en). In den Zeichnungen findet sich das hundertprozentig wieder; manchmal schnörkelig, manchmal wieder klarer, teilweise sehr detailliert, ein wieder anderes Mal grotesk. Das Zusammenspiel von Erzählung und Artwork ist gar nicht genug zu würdigen.

©Panini Comics Deutschland

FAZIT

MARIAN MEINT

Mit „Arkham City – Stadt des Wahnsinns“ legen DC bzw. Panini einen wirklich außergewöhnlichen Comic aus der Welt von Gotham vor. Dan Watters schreibt hier nah an seinen Figuren, verliert aber niemals die große Handlung aus den Augen. Klug, spannend und mit einem guten Gefühl für Pacing, trägt er einen beim Lesen durch die eklige Geschichte. Zeichnerin Dani unterstützt dies einmalig mit ihrem Artwork, das wie für diese Geschichte geschaffen zu sein scheint. Die Kombination aus Erzählung und Bildern ergibt eine unglaublich starke Melange für diesen Grusel-Psychothriller, der einem bisweilen unter die Haut gehen und tief in Geist und Seele blicken kann.

Für mich war die Geschichte ein Hochgenuss. Ich empfehle dennoch, vorher durch den Band zu blättern, das Artwork wird nicht jedem gefallen; gleiches gilt für die vollständige Abwesenheit von Batman bzw. seinem Team. In der B-Note gibt es von mir ein paar Abzüge für den deplatziert wirkenden Azrael sowie für Paninis seltsame Entscheidung der hier eingebundenen Vorgeschichte. Eine volle Leseempfehlung gibt es für erfahrene Leser:innen, die gern noch etwas tiefer in Batmans Stadt bzw. in die Köpfe der eher grotesken Arkham-Insassen eintauchen möchten.

Der Comic ist für einige sicher Geschmackssache. Er ist kein Meisterwerk, bietet keinen Bombast und wird niemanden vor Begeisterung aus dem Sessel reißen. Dennoch weiß er mit seiner leise vorgetragenen, spannenden und faszinierenden Geschichte tief zu beeindrucken.


Bei Panini liegt der Band jeweils im Soft- und Hardcover vor.

Arkham City – Stadt des Wahnsinns (Softcover)
Arkham City – Stadt des Wahnsinns (Hardcover)


Übrigens: Panini gibt in einer einer Preview noch ein paar weitere Einblicke.

LESEPROBE (bereitgestellt von ©Panini Comics)

DISCLAIMER

Für die vorliegende Review wurde uns ein Rezensionsexemplar von Panini Comics Deutschland zur Verfügung gestellt. Dafür vielen Dank!

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Batmanfan seit frühester Kindheit; besonders geprägt durch die Animated Series und die Dino-Comics.

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