Comic Review: Detective Comics #27

Zur Historie

The Bat-Man wurde geschaffen von (wahrscheinlich hauptsächlich) Bill Finger und Bob Kane (ohne dessen Talente und Netzwerke Finger seine Geschichten wohl nie verkauft bekommen hätte). Der omnipräsente Bob Kane als auch später der stille Bill Finger machten kein großes Geheimnis daraus, dass es einige Vorbilder für die Fledermaus-Ikone gab. Einer der Paten war die Figur „The Shadow“, ein in den 1930ern durch Pulp-Romane und eine Radiosendung populärer, fiktiver Verbrechensbekämpfer mit übernatürlichen Fähigkeiten. Eine seiner „realen“ Identitäten ist der reiche Playboy(!) Lamont Cranston. Und auch sonst gibt es ein paar enge Bezüge zum Bat-Man. Wie eng, ist noch gar nicht so lange bekannt.

Der Comic-Kolorist und Shadow-Enthusiast Anthony Tollin ist maßgeblich für die Wiederaufbereitung und die Re-Prints der originalen The Shadow-Serie verantwortlich. Dabei hat er mit ziemlicher Sicherheit die Vorlage für „The Case of the Chemical Syndicate“ identifizieren können: die Shadow-Story „Partners of Peril“ von Theodore Tinsley im Jahre 1936. Bill Finger selbst, bestätigte, dass er seine erste Batman-Geschichte einer Shadow-Story entlehnt hatte. Es soll jeder selbst entscheiden, ob er Parallelen erkennen kann:

  • Wir haben den Playboy Cranston, der sich für den Fall seines Freundes Ralph Weston interessiert. Ralph Weston ist der Zigarre rauchende Commissioner von New York City.
  • Es gibt 4 einstige Geschäftspartner (einer ist chemischer Hersteller).
  • Nach einem frischen Mord wird der Übeltäter von einer dunklen Gestalt (dem Shadow) auf einem Dach mit Schornstein gestellt.
  • Einer der Partner wird von einem der anderen in einer käseglockenartigen Gaskammer eingeschlossen.
  • Der Shadow rettet sowohl den Mann als auch den Tag an sich.

 

Es wird sogar gemutmaßt, dass „Partners of Peril“ die entscheidende Wendung brachte, was die Umgestaltung des von Kane erdachten Bird-Man hin zu Bat-Man betraf. Denn gerade in jener Geschichte wird erstaunlich oft die Fledermausigkeit des Shadow unterstrichen. Die Wandlung vom blonden, rot gewandeten Vogelmenschen hin zur uns bekannten Fledermaus erscheint so zumindest plausibel.

Hinsichtlich des Shadow hat sich Bob Kane zudem teilweise peinlich (und ich meine peinlich) genau an die Illustrationen der Shadow-Vorlage gehalten und sehr wahrscheinlich auch Panels eines Zeichners namens Henry E. Vallely regelrecht plagiiert.

 

Viel ausführlicher, vergleichender und schöner hat das bereits der englischsprachige Blog „Dial B for Blog“ in einem dreiteiligen Special (Secret Origins of the Bat-Man) herausgearbeitet. Neben seiner Einlassung zu „The Case of the Chemical Syndicate“ in Teil 2 der Reihe bekommt man einen umfassenden Einblick in den Entstehungsprozess und die Entwicklung der Batman-Figur. Aber Vorsicht – an Bob Kane wird dabei kaum ein gutes Haar gelassen.

Nach Detective Comics #27 ging es dann stetig weiter mit dem Bat-Man bis zur Fledermaus, die wir heute kennen. Oder eben nicht. Denn dank des DC-Multiverse wird dieser Batman Erde Zwei (sozusagen der „Golden Age“-Erde) zugeordnet. Dieser Batman/Bruce Wayne war zweimal verheiratet; zunächst mit Julie Madison und dann mit Selina Kyle. Mit letzterer hatte er sogar eine Tochter, Helena. Diese wiederum wurde zur Heldin Huntress jenes Universums und überlebte ihren verstorbenen Vater bis zur Crisis on Infinite Earths. Streng genommen ist also unser heutiger Batman nicht mehr derjenige, der den Fall des Chemiesyndikats in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gelöst hat.

Doch bereits vor der Crisis hatte es Änderungen und Neuerungen für den Batman-Mythos und sein Umfeld gegeben. Erst in Ausgabe 33 (1939) der Detective Comics erfuhr der Leser (neben Batmans tragischer Entstehungsgeschichte), was die Heimatstadt des Dunklen Ritters war, nämlich … New York! … was erst ab Batman #4 (1940) in Gotham City abgeändert wurde. Mit der Zeit wurden der Fledermaus Figuren wie Robin und Alfred an die Seite gestellt und jede Menge Villains hinzugefügt. Außerdem gewöhnte sich Bruce alsbald das Rauchen ab.

So war es also irgendwann notwendig, auch den ersten Fall Batmans (eigentlich den zweiten Fall – aber fragt besser nicht) entsprechend abzuändern. Derartige Neu- und Uminterpretationen gab es einige. Die erste fand 1969, zum 30jährigen Geburtstag der Figur, statt.

In Detective Comics #387 ehrten Mike Friedrich und Bob Brown das Original mit einer zeitgemäßeren Story und benannten diese in „The Cry of Night is — ‚Sudden Death!‘“ um. Auf den nachfolgenden Seiten gab es dann einen Reprint der Original-Story von 1939.
Die Geschichte von Friedrich & Brown stellt vor allem den (Hippie-)Sohn des Opfers in den Fokus, folgt bisweilen dem Ausgangsmaterial und spielt immer wieder (wie für das Silver Age üblich) die Moralkarte. So endet die Geschichte damit, dass der Leser sowohl Lamberts Sohn als auch Robin dabei zusehen darf, wie sie ihre Vorurteile reflektieren. Die wichtigste Änderung ist wohl der Gewaltgrad. Batman tötet hier niemanden, kommt überhaupt kaum in schwere körperliche Auseinandersetzung mit den Schurken der Geschichte. Selbst den Übeltäter Stryker schaltet er zum Schluss nur gekonnt per Judowurf aus.
                 

Eine weitere Interpretation der Geschichte finden wir dann im Jahre 1986 in Secret Origins (Vol. 2) #6 wieder. Roy Thomas reiht in „The Golden Age Batman“ allerhand schon bekannte Batman-Geschichten aneinander und passt sie dem Informationsstand der damaligen Zeit an. Im Grunde wird hier ein Abschluss für den verstorbenen Erde-Zwei-Batman gefunden, indem er eine definitive, runde Origin-Story bekommt. Daher sind die Anpassungen eher verhalten. Doch auch hier wendet der dunkle Ritter keine tödliche Gewalt an. Stryker stürzt ausversehen in den Tod. Es fällt dennoch der beliebte Satz: „A fitting end for his kind“.

Nach der Crisis on Infinite Earths galt aber der (nun) erste Batman-Fall nicht als verloren. Und so wurden den Lesern in der Jubiläumsnummer 627 der Detective Comics (neben einem abermaligen Abdruck des Originals) gleich drei Versionen derselben Geschichte präsentiert; wobei die erste Story ein Reprint von Friedrichs & Browns „The Cry of Night is — ‚Sudden Death!‘“ war.

Tatsächliche Neunterpretationen boten dann zum einen Marv Wolfman & Jim Aparo und zum anderen Alan Grant & Norm Breyfogle; beide Paarungen mit dem Titel „The Case of the Chemical Syndicate“.

Wolfmans Version wirkt völlig abgefahren. Die bekannten Verläufe werden stellenweise bis zur Unkenntlichkeit verändert, es gibt einen erhöhten Frauenanteil und die Story wird durch die Figur Pesticyde angereichert, die am Ende auch gleich wieder das Zeitliche segnen muss.

Alan Grant wiederum hat zwar ebenfalls einiges modifiziert, aber dennoch atmet seine Bearbeitung mehr den Geist des Originals. Auch er hat Figuren hinzugefügt und eine eher eigene Geschichte erzählt und doch lassen sich Grund- und Hauptmotive der legendären Nummer 27 wiederfinden. Tödliche Batman-Gewalt ist hier ebenfalls tabu, auch wenn der Dunkle Ritter fragwürdige Entscheidungen trifft. Zudem gibt es erneut die beliebteste Eins-zu-eins-Adaption aus dem Original.
         

Damit war der Status Quo für die nächsten 13 Jahre betreffs „The Case of the Chemical Syndicate“ gesetzt. Man hatte innerhalb des bestehenden Batman-Universums eine Art urbane Legende geschaffen, die sozusagen jeder anders erzählen und interpretieren konnte. Doch ihrem Traditionsbewusstsein folgend, ließen es sich die Kreativen von DC nicht nehmen, nach dem 52-Neustart auch die neue Nummer 27 entsprechend ihrer Geschichte angemessen neu auszustatten bzw. zu präsentieren. Da diese Ausgabe aber noch so einiges mehr bietet, besprechen wir sie erst beim nächsten Mal. Damit nähern wir uns dann auch schon der unfassbaren Nummer 1.000 (dem angeblich meist verkauften Comic 2019) in großen Schritten. Und mal sehen, Ende des Jahres wird DC noch Nr. 1.027 der Detective Comics veröffentlichen. Vielleicht wartet da auch noch was auf uns.

Jetzt schließen wir vorerst den Fall des Chemiesyndikats. Wer aber nach der ausschweifenden Betrachtung immer noch nicht müde ist, sich die Geschichte näher zu beschauen, oder den Comic einfach besitzen will, für den gibt es mehrere Möglichkeiten. Alte Originale sind bereits um die 2 Mio. Dollar über die Theke gegangen. Aber es sollen auch noch einige für schlappe 200.000 $ zu haben sein. Haltet euch ran!

Wer sich mit Nachdrucken begnügt, findet diese heute teils gänzlich kostenlos. Meinen ersten Re-Print der #27 gab es in Dinos Jubiläumsausgabe zum 60. Batman-Geburtstag im Jahr 1999; natürlich auf Deutsch. Eine neuere Version findet sich in der 75-Jahres-Gratis-Ausgabe von Panini. Wer es lieber digital bzw. Englisch mag, kann Batmans ersten Auftritt (auch von preiswert bis völlig kostenlos) bei entsprechenden Anbietern wie zum Beispiel Comixology, Apple Books oder im Google Play Store finden.

Und ich denke, das ist dann auch ein passendes Ende für unsereins.

Bis zur nächsten Review.

Batmanfan seit frühester Kindheit; besonders geprägt durch die Animated Series und die Dino-Comics.

5 Kommentare

  1. Mathias sagt:

    Danke für den Ausflug in die Historie, Schiller! Bei diesem „Batmobil“ musste ich gleich an Donalds/Phantomias‘ 313 denken. 🙂

  2. Florian sagt:

    Tolles Review,Schiller. Die Story gefällt mir übrigens heute noch 🙂

    • Schiller sagt:

      Danke dir. Durch die heutigen Lesegewohnheiten war mir die Story an sich etwas zu 08/15. So verläuft gefühlt jede dritte Folge Law & Order. Aber wie gesagt, unter Berücksichtigung des Gesamtkontexts fühlt sich Nummer 27 trotzdem irgendwie großartig an 🙂

      • Florian sagt:

        Natürlich. Ich verbinde mit dieser Story auch sehr schöne Erinnerungen. 🙂 Das die Geschichte so ziemlich 08/15 ist , dürfte klar sein. 😉

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