Die Dunkelheit im Herzen und das Licht in der Seele.

Es ist ein malerischer Sonnenuntergang in wunderschönen bunten Farben, mit nur wenigen Tuschestrichen gezeichnet. Zwei Männer stehen in einem Feld. Der eine im Anzug, der andere mit einer Mistgabel in der Hand.

Der im Anzug ist bullig, beinahe doppelt so groß wie der andere und man spürt förmlich die Zärtlichkeit in seiner Stimme, als er fragt: „Wirst Du Dich jemals daran satt sehen?“. Ein Sohn nimmt Abschied von seinem Vater, er zieht in die Welt hinaus, um deren größter Held zu werden. Es ist dieses doppelseitige Panel, schlicht, beinahe minimalistisch, aber in diesem Bild werden Text und Zeichnungen eins, sie gehen eine Symbiose ein, die nur dann entsteht, wenn sowohl Autor als auch Zeichner ihre Figuren vollumfänglich verstanden haben. Und so wird aus einem Comic Kunst.

©DC Comics

Die Szene stammt aus den letzten Seiten des ersten Kapitels aus „Superman: For All Seasons“. Der Autor: Jeph Loeb, der Zeichner: Tim Sale. Wir schreiben das Jahr 1998 und die beiden Männer sind auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Ende der 90er-Jahre waren Origin-Geschichten auch in der Comicwelt ein alter Hut. Die letzte Origin von Superman von John Byrne, Mitte der 80er-Jahre entstanden, war und ist bis heute sogar Kanon. Aber Jeph Loeb und Tim Sale arbeiteten nie im Kanon, ihre Geschichten waren Stand-Alone, eigenständige Werke, die altbekannte Helden neu interpretierten oder sogar neu erzählten. Und so schufen sie aus der vermeintlich langweiligen Herkunftsgeschichte von Superman ein poetisches Werk voller Liebe, Hingabe und Hoffnung.

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Begegnet waren sich die beiden 1991, als sie zusammen an der DC Serie „Challenger Of The Unknown“ arbeiteten. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden funktionierte auf Anhieb so gut, dass sie im Folgenden drei „Halloween-Specials“ für die Serie „Batman: Legends Of The Dark Knight“ gestalteten. Die Fans wollten mehr und sie bekamen mehr. Von 1996 – 1997 schufen sie die Maxiserie „Batman: The Long Halloween“ und von 1999 – 2000 „Batman: Dark Victory“. Die von Jeph Loeb verfassten Geschichten waren eine Abkehr von den ansonsten erzählten Storys. Loeb wollte Batman einen eher geerdeten Ansatz geben und verließ sich dabei völlig auf Tim Sale, der diese Geschichten dann illustrierte.

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Es fällt schwer, Tim Sale einen Comiczeichner zu nennen, auch wenn er die klassische Ausbildung als Grafiker genossen hatte. Sein Zeichenstil war nie wirklich „realistisch“. Wenn er Batman und Catwoman zeichnete, besaßen diese Muskeln, für die bis heute kein Anatomieprofessor einen Namen gefunden hätte. Die Proportionen stimmten fast nie und trotzdem ist jede Zeichnung, jedes Panel auf den Punkt genau getroffen. In seinen Zeichnungen offenbart er das Innerste seiner Figuren. Wenn wir Harvey Dent immer im Halbschatten sehen, dann wissen wir was uns erwartet. Sein Bruce Wayne ist mal kantig und hart und dann weich und fließend gezeichnet. Wir sehen die Entschlossenheit seines Alter Egos Batman in ihm, aber auch das gebrochene Kind, das den Mord an seinen Eltern miterleben musste. „Batman: The Long Halloween“ bedient sich dabei der künstlerischen Form des Expressionismus, alles ist überzeichnet, verzerrt und überlebensgroß. Aber dank des fantastischen Scriptes von Jeph Loeb lernen wir mehr über Batman als jede Origin-Story es uns bis zu diesem Zeitpunkt erzählt hatte. Im Kern geht es in „Batman: The Long Halloween“ um das Scheitern, das Scheitern an uns und anderen gegenüber. Und die Kraft, die man aus diesem Scheitern gewinnen kann, die Kraft wieder aufzustehen und weiterzumachen. Einer der dies am besten verstanden hatte, war wohl Christopher Nolan, der in „Batman Begins“ Thomas Wayne folgenden Satz zu Bruce sagen lässt: „Warum fallen wir? Damit wir lernen wieder aufzustehen.“ Und so wird bei aller Bitterkeit und Dunkelheit am Ende von „Batman: The Long Hallween“ Batman zu einem Symbol für Hoffnung, für den Helden, der immer weiter macht, egal wie oft er fällt. Dass die Lösung des Falles dabei fast zur Nebensächlichkeit wird, ist durchaus gewollt. Letztendlich ist Holliday Killer ein klassischer McGuffin, eine Finte, die den Leser auf eine falsche Fährte lockt.

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Helden, egal wie gebrochen sie auch scheinen, sollten immer Lichtgestalten sein, das haben Jeph Loeb und Tim Sale wie kaum jemand anders verstanden und von daher war es dann auch nur eine Frage der Zeit, bis sie sich dem größten Helden aller Zeiten zuwandten und sie blieben sich dabei treu, obwohl der künstlerische Ansatz eine 180 Grad-Drehung war, bezogen auf ihr Werk für Batman. „Superman: For All Seasons“ wurde in vier Kapiteln entworfen. Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer anderen Person erzählt, in der Reihenfolge: Jonathan Kent, Lois Lane, Lex Luthor und Lana Lang. Sie alle erzählen mit Liebe, Skepsis, Hass und Überzeugung von Superman. Vom Vater, der seinen Sohn ziehen lassen muss; von der Kollegin, die ihn als Konkurrent ansieht; vom Mogul, der ihn hasst und von der Frau, die ihn liebt, deren Liebe aber nicht so erwidert wird, wie sie sich es wünscht. Getaucht in wunderschönen, fast pastellartigen Bildern, mit leichtem Strich gezeichnet. „Superman: For All Seasons“ ist der künstlerische Gegenentwurf zu „Batman: The Long Halloween“.

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Tim Sales Clark Kent/Superman ist eine Naturgewalt. Die Überlebensgröße der Supermanfigur wird hier von Tim Sale zum Stilmittel erklärt. In jedem Panel überragt er seine Mitmenschen um Längen, aber das Gesicht, das Tim Sale dazu zeichnet, ist das Gesicht eines neugierigen Jungen: freundlich, beinahe ein wenig einfältig. Voller Neugierde und Zweifel erforscht dieser junge Mann seine Kräfte, gleichzeitig erstaunt und erfreut. Für Jeph Loeb und Tim Sale spielt das kryptonische Erbe dieser Figur erst einmal überhaupt keine Rolle. Das, was die Figur ausmacht, das hat er seiner Erziehung und seinem Umfeld zu verdanken. Und dieser Superman erklärt einem jungen voller Stolz und Freude, dass seine Mutter sein Kostüm genäht hat. Und das einzige Mal, wo er an sich selbst zweifelt, kehrt er dahin zurück, wo er hergekommen ist. Dieser Superman schämt sich nicht seiner Herkunft und er schämt sich auch nicht um Hilfe zu bitten. Dieser Superman ist einfach nur ein Mensch wie Du und ich.

Diese Gegensätze machten den Künstler Tm Sale aus, er konnte mit Licht und Schatten arbeiten, seinen unverwechselbaren Stil behielt er immer bei. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Tim Sale grundsätzlich seine Zeichnungen selber tuschte und schattierte, die Farbgebung jedoch anderen überließ, was dem Umstand geschuldet war, dass er farbenblind war. Zusammen mit Jeph Loeb entstanden Geschichten, die auch noch in vielen Jahren Bestand haben werden. Es gab und gibt viele legendäre Batman-Zeichner, aber Tim Sales Arbeit bleibt einzigartig.

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Privat war und ist nicht viel von ihm bekannt. Geboren wurde er am 01. Mai 1956 in Ithaca, New York. Einen Großteil seines Lebens verbrachte er in Seattle. Er studierte an der University of Washington (State) und der School Of Visual Arts in New York.  Er arbeitete hauptsächlich für die beiden großen US-Comic Verlage Marvel und DC. Ab 2006 arbeitete er für die Serie „Heroes“. Er bezeichnete diese Erfahrung als vollkommen neu, aber sehr befriedigend für ihn.

Gerade weil wir hier im Batcast seit letztem Jahr „The Long Halloween“ besprechen, hat es mich sehr schockiert, dass er am 16.06.2022 im Alter von 66 Jahren an den Folgen eines Nierenversagens gestorben ist. In der Meldung heißt es, dass die Liebe seines Lebens in seinen letzten Stunden bei ihm war. Das ist tröstlich. Möge dieser große Künstler in Frieden ruhen.

Grumpy Old Man, Mediengestalter Bild- und Ton, Film- und Superheldenfan seitdem ich laufen kann. Begeisterter Hobbypodcaster bei www.batmannews.de.

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