Der Tod gibt die entscheidende Stimme ab!

Am 04.12.1969 prangte dieser reißerische Titel auf dem Cover von Batman Nr. 219. Es war das erste Mal, dass Batman-Fans die Arbeit von Neal Adams kennenlernten.

Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, dass Neal Adams zusammen mit Dennis O’Neil einmal zu den einflussreichsten Comickünstlern der 70er-Jahre aufsteigen würde. Aber auf diesem Cover, übrigens der einzige Beitrag zu dem Heft von Neal Adams, fallen bereits seine Besonderheiten auf: Detaillierte Zeichnungen, die eine einzigartige Dynamik besaßen.

© DC Comics / SyFy

Aber dies soll ein Nachruf sein auf einen Menschen, der die Menschlichkeit in eine Industrie brachte, die ihre kreativsten Köpfe verschlungen und ausgezehrt hatte. Neal Adams wurde am 15. Juni 1941 auf Governors Island geboren, einer Insel südlich von Manhattan. Er wuchs in einer Militärfamilie auf, die ständig von einer Basis zur anderen umzog, unter anderem war er so auch eine Weile in Deutschland. Er schrieb sich in die „School of Industrial Art“ High School in Manhattan ein und machte dort 1959 seinen Abschluss.

Unmittelbar danach versuchte er als Freelancer bei DC zu arbeiten, jedoch wurde daraus erst einmal nichts und er versuchte sein Glück bei Archie Comics. Dort wollte er an der damaligen Superheldensparte mitarbeiten und machte einige Probezeichnungen zu „Adventures Of The Fly“, einem damals recht populären Superhelden des Verlages. Als diese nicht auf die nötige Resonanz stießen, versuchte er sich an den humoristischen Archie Comics. Als er die Proben ablieferte, fiel ihm auf, dass eine seiner Fly Zeichnungen ausgeschnitten wurde. Auf Nachfrage erklärte man ihm, dass der Zeichner der aktuellen Ausgabe die entsprechende Szene nicht hinbekam und man entschied sich daher Adams‘ Zeichnung zu nehmen. Dies war quasi der Grundstein für Adams‘ Karriere in der Welt der Comics.

© DC Comics

Die nächsten Jahre verbrachte er damit verschiedene kleinere halbseitige oder ganzseitige humorvolle Panels für Archie Comics zu kreieren. Er übernahm dabei alle Tätigkeiten. Er zeichnete, tuschte und füllte die Sprechblasen. Für eine halbe Seite erhielt er 16 US-Dollar, für eine ganze 32 US-Dollar. Aus heutiger Sicht nicht sehr viel, für den jungen Neal Adams damals hingegen ein willkommener Rettungsanker, da er seine Familie unterstützen musste. Auch nahm er nebenbei immer wieder Aufträge für Werbeillustrationen an.

Von 1962 bis 1964 war er der Hauptzeichner des Zeitungscomics Ben Casey, einer Adaption der gleichnamigen Arztserie im TV. Ben Casey gehört zu den ersten Comicstrips überhaupt, die sich der alltäglichen Realität von normalen Menschen stellte. Heroinabhängigkeit, Alkoholismus und andere reale Probleme wurden regelmäßig in der Serie behandelt. Auch wenn die Auflagen des Comic Code immer wieder dafür sorgten, dass die Themen recht „soaplastig“ thematisiert wurden: Es war ein Anfang, der zeigte, dass Comics sehr wohl auch erwachsene Themen behandeln konnten.

Von da an ging es aufwärts für Neal Adams. 1969 erschien sein erstes Batman Cover und er arbeitete mit Roy Thomas bei Marvel Comics an der „Uncanny X-Men“-Serie. Die Zusammenarbeit katapultierte die etwas brachliegende Reihe an die Spitze der Marvel Comics. Bei DC begann er seine Partnerschaft mit Dennis O’Neil und diese sollte die Comicwelt erschüttern. Als Erstes befreiten sie Batman von den Albernheiten der 1966er-TV-Serie und machten aus ihm wieder einen düsteren, in sich gekehrten Charakter, der davon besessen ist, das Verbrechen zu bekämpfen.

Auch wenn es einem heute vorkommt, als ob die beiden jahrelang an Batman gearbeitet hätten, sind es nur wenige Comics, die sie zusammen erschaffen haben. Tatsächlich hat Adams weitaus mehr Cover als vollständige Storys gezeichnet. Gemeinsam mit O’Neil kreierte er eine Figur, die im Schatten lauert, die schnell, leise und kraftvoll zuschlagen kann. Dieser Batman war keine Witzfigur mehr, sondern ein zutiefst nachdenklicher und gefährlicher Mensch, vor dem sich die Schurken zu Recht fürchten mussten. Adams‘ Spiel mit Licht und Schatten in diesen Comics ist bis heute die Blaupause dafür, wie man Batman zeichnet. Und er machte etwas, das auch später andere Comiczeichner inspirierte: Batmans Cape ist bei Neal Adams ein scheinbar lebendiges Wesen, das offensichtlich ein Eigenleben führt. Neben Charakteren wie Man-Bat und Ra´s al Ghul, an deren Erschaffung Neal Adams beteiligt war, ist eine der letzten Arbeiten mit Dennis O’Neil dafür verantwortlich, dass aus Batmans Erzfeind Joker der mordende Psychopath wurde, den die Leser heute noch kennen.

Ihr Meisterstück legte das Team O’Neil/Adams aber mit der Reihe „Green Arrow/Green Lantern: Hard Traveling Heroes“ hin. In dieser Reihe wurden die beiden Helden auf eine Reise durch die USA der 70er-Jahre geschickt. Und der Fokus lag nicht mehr auf Bösewichten, sondern die beiden Helden mussten sich mit Themen wie Rassismus, Drogensucht und Armut auseinandersetzen. Und mehr als einmal mussten die Helden einsehen, dass sie in vielen Punkten versagt hatten. Sie mussten lernen, dass besondere Fähigkeiten und Superkräfte alleine nicht ausreichen, um die Welt besser zu machen. Sie mussten lernen, Menschen zu sein. Diese Realitätsnähe sorgte dafür, dass DC Comics einen Boom erlebte. Lange Zeit als „Kinderkram“ verschrien, nahm man den Verlag und seine Helden nun wieder ernst.

© Neal Adams

Adams zeichnete in seiner langen Karriere beinahe jeden bekannten Superhelden, aber das alleine ist nur einer seiner Verdienste. Sein ganzes Leben widmete er vor allen Dingen seinem sozialen Engagement, das einen faireren Umgang der Comicindustrie mit ihren Künstlern zum Ziel hatte. Zusammen mit Dennis O’Neil und einigen anderen Künstlern war er dafür verantwortlich, dass Time Warner 1978 nach jahrzehntelanger Blockade bereit war, den beiden Superman-Schöpfern Jerry Siegel und Joe Shuster eine bescheidene Altersrente zu zahlen. Und nach über 30 Jahren wurden die beiden endlich wieder als die Schöpfer des Charakters in den Comics genannt. Als „Superman – The Movie“ 1978 in Amerika anlief, gab es lauten Applaus, als die beiden Namen im Vorspann erschienen.

© DC Comics

Von da an drängte Neal Adams immer weiter darauf, dass die Zeichner ihre Originale von Verlagen nach Druck der Hefte zurückbekamen. Da die Bezahlung in der Industrie nicht die allerbeste war, konnten die Zeichner sich so zumindest ein zweites Standbein aufbauen, in dem sie ausgewählte Originale an Sammler verkaufen konnten. Sein Bestreben ging soweit, dass er forderte, die Künstler sollten generell das Copyright an ihren Werken behalten. Den Höhepunkt dieser Entwicklung erlebte die Comicindustrie dann 1992, als namhafte Zeichner und Autoren die etablierten Verlage Marvel und DC in Scharen verließen um den Comicverlag Image zu gründen, der dann auch vom Start an den beiden großen Verlagen den Rang ablief. Nach diesem Ereignis begann die Industrie sich dann endlich zu ändern. Heute ist es üblich, dass Comiczeichner und Comicautoren die Rechte an Neukreationen behalten und auch immer das Copyright an den Zeichnungen und Geschichten, wenn es nicht anders vereinbart wird.

© DC Comics

In Zusammenarbeit mit Rafael Medoff, dem Direktor des David-S.-Wyman-Instituts für Holocaust-Studien, setzte sich Adams dafür ein, das von der polnischen Regierung betriebene staatliche Museum Auschwitz-Birkenau dazu zu bringen, die Originalkunstwerke von Dina Babbitt zurückzugeben. Diese hatte als Gegenleistung dafür, dass er ihre Mutter und sie selbst von den Gaskammern verschonte, detaillierte Gemälde für den Nazi-Todesarzt Josef Mengele erstellt, um dessen pseudowissenschaftlichen Rassetheorien über Sinti und Roma zu illustrieren. Unter Verwendung eines Textes von Rafael Medoff erstellte Adams eine 6-seitige grafische Dokumentation, die von Joe Kubert koloriert wurde und ein Vorwort von Stan Lee enthielt. Adams wies jedoch jeden Vergleich zwischen dem Fall Babbitt und seinem Kampf um die Rechte des Schöpfers zurück und sagte, dass ihre Situation „tragisch“ und „eine Gräueltat“ gewesen sei.

Neal Adams erhielt zahlreiche Auszeichnungen für sein künstlerisches Werk. Er beeinflusste eine ganze Generation von Comiczeichnern und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass er zusammen mit Dennis O’Neil die Comics erwachsen machte. Am 28.04.2022 teilte seine zweite Ehefrau Marylin der Öffentlichkeit mit, dass ihr Ehemann an den Folgen einer Sepsis verstorben ist. Es ist das Ende einer Ära und er wird fehlen.

Grumpy Old Man, Mediengestalter Bild- und Ton, Film- und Superheldenfan seitdem ich laufen kann. Begeisterter Hobbypodcaster bei www.batmannews.de.

7 comments

  1. Stefan K sagt:

    Vielen Dank für diese tolle Würdigung eines großartigen Zeichners!

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  2. Visual Noise sagt:

    Sehr interessanter und würdevoller Nachruf – Dankeschön!

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  3. misterm86 sagt:

    Danke Gerd, schöner Text!

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  4. Mr. Wayne sagt:

    Ich bin mit BATMAN -Comics groß geworden und insbesondere die Zeichnungen von Neal Adams rufen bei mir Kindheitserinnerungen hervor. Es ist dann umso schöner, hier einen würdigen Nachruf zu lesen, der mir Neal Adams etwas näher bringt.

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  5. Sören sagt:

    Schöner Nachruf, kann ich allen Vorrednern anschließen.
    Wenn ich mich richtig erinnere, war Nail Adams einer von denen, der sich dafür eingesetzt hatte, dass der Comics Cod gelockert wurde.

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  6. xx sagt:

    Adams war nicht Jude. Er war katholisch. Wuchs aber in einer Gegend auf, in der sehr viele Juden lebten. Für ihn war es das Normalste der Welt, dass alle friedlich miteinander lebten und die Kinder zusammen spielten. „So sollte es immer und überall sein.“. Er hatte aber dennoch sehr großes Interesse an jüdischer Geschichte https://www.jpost.com/diaspora/article-705718

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    • torsilinfo sagt:

      Erst einmal Danke für den Hinweis, ich habe den Artikel abgeändert. Leider ist Rafael Medoffs Artikel erst gestern erschienen so das ich nur von den anderen Quellen ausgehen konnte.

      Tatsächlich sagen einige Seiten etwas anderes:
      https://www.famousbirthdays.com/people/neal-adams.html
      Siehe dort den Eintrag unter Family Life.

      Auch die Seite von Gamesradar gibt das an.
      https://www.gamesradar.com/neal-adams-died/

      Ich vermute allerdings, das sowohl sein Engagement als auch der Umstand das wohl seine Schwiegermutter, eine jüdische Holocaustüberlebende, dazu geführt haben das man davon ausging, das er ebenfalls jüdischen Glaubens war.

      PS.: In eigener Sache. Ich vermeide grundsätzlich Aussagen wie „er war Jude“ etc. etc. weil ich der Meinung bin, das diese Bezeichnung rassistisch ist. Das Judentum ist für mich nur eine von mehreren Weltregionen und sonst nichts.

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