Review: „Batman – Der Kult“ (Deluxe Edition)

Der vorliegende Comic sollte dringend mehr Beachtung bekommen. Und darum kümmern wir uns jetzt! Aber das mache ich nicht allein …

©Panini Comics Deutschland

Heute möchte ich mich einem viel zu unbeachteten Klassiker zuwenden. Nicht nur, weil die hier angesprochenen Thematiken politisch wieder aktuell werden, sondern weil es ein verdammt guter Comic ist und ich das bis jetzt noch nicht einmal wusste. Das hat sich auch Gerd gedacht, der eine begeisterte Zweitstimme verfasst hat.

Batman ist seit 10 Jahren aktiv. Wir haben es also mit einem routinierten und erfahrenen Batman zu tun, der schon so einiges durchgemacht hat. Die spezielle Beziehung zum Joker muss nicht erneut ergründet werden, sondert wird in einem anfänglichen bildlichen Kommentar lediglich erwähnt. Allerdings wurde Batman schon zu Beginn der Geschichte von Diakon Blackfire gefangen genommen und gefoltert. Im weiteren Verlauf erhält Batman sogar eine Gehirnwäsche und stellt sich nicht nur seinen eigenen Dämonen, sondern wird selbst zu einem.

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Dabei lebt die Geschichte durch ihre raue und schonungslose Erzählweise. Wenn Batman beispielsweise gefesselt einer Frau beim Sterben zuhören muss oder in Gotham regelmäßig schreckliche Morde geschehen, geht mir das direkt unter die Haut. Ohne Kompromisse kritisiert Autor Jim Starlin dabei auch immer noch zeitgemäß die Ungerechtigkeiten und die verschobene Wahrnehmung gesellschaftlicher Klassen und ihrer Privilegien.

Während Blackfire vorgibt, gegen soziale Ungerechtigkeiten vorgehen zu wollen und das auch medienwirksam propagiert, scharen sich die gesellschaftlich Schwächsten um ihn und saugen seine vermeintlichen Weisheiten ungefiltert als ihre eigenen auf. Dass sich dabei eine Untergrundarmee der gesellschaftlich Abgehangenen formiert, möchte noch niemand so wirklich glauben.

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Auch fast 40 Jahre nach der Erstveröffentlichung weiß die Geschichte zu gefallen und bleibt auch aktuell. Wie schnell Menschen bereit sind ihre Menschlichkeit aufzugeben und Gewalt als einzige Argumentation rechtfertigen, dabei von Ängsten und persönlicher Bereicherung getrieben im Grunde nur weiteres Unrecht verbreiten, lässt sich in der Zeitgeschichte bis heute immer wieder beobachten.

Ob man nun auf die Gewalttaten nach dem „Brexit“-Referendum in Großbritannien (2016), die „Gelbwesten“-Proteste in Frankreich (2018), die gewaltsame Erstürmung des Kapitols in den USA (2021) oder ein solcher Versuch im Bundestag in Deutschland (2022) schaut, eint all diese und andere Geschehnisse eine Gewissheit.

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Diese Ereignisse zeigen deutlich, wie selbst kleinere, aber bedeutende Vorfälle in der jüngeren Geschichte verwendet werden, um Gewalt als Lösung für wahrgenommene Unrechtserfahrungen oder Ängste zu legitimieren. Gleichzeitig machen sie die fortwährende Relevanz der Thematisierung von Machtmissbrauch, politischer Intoleranz und der damit verbundenen Gefahr deutlich, die eigene Menschlichkeit aufzugeben, wenn Ängste und persönliche Vorteile im Spiel sind.

Einblicke in die im DER KULT dargestellten Mittelschicht erhalten wir durch Beiträge aus dem Fernsehen. Dabei illustriert Bernie Wrightson die Auffassungen von Passanten und Sendungsbeiträge in Anlehnung an Frank Miller. Das sollte niemanden irritieren, da THE DARK KNIGHT RETURNS erst zwei Jahre zuvor jegliches Comicverständnis neu definierte. Leider schaut sich Wrightson auch etwas von Millers unruhigem Zeichenstil ab. Es wird zwar niemals so umstritten unklar wie bei Miller, dafür hat DER KULT meiner Meinung nach ein ganz anderes Problem.

Die Kolorierung ist teilweise einfach nur schräg. Zwar behaupte ich die Absicht hinter Bill Wrays Farbenwahl zu erkennen, aber verstehen kann ich sie nicht. Ich habe gut die Hälfte des Bandes mit der Farbgebung gefremdelt. Manche dargestellten Dinge erhalten lediglich eine andeutende Pastellfarbe aus der Mischpalette, um sich optisch abzuheben, die aber nicht wichtig genug für dieses Alleinstellungsmerkmal sind. Und damit meine ich nicht nur die klassischen Rückblenden.

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An anderer Stelle greift er dann in die dunkleren Töne und schafft zumindest eine Atmosphäre, die diese Geschichte in jedem Fall verdient hat. Allerdings hätte die spannende Geschichte mit vielen Wendungen von einem klareren Farbstil profitiert. Dass er das beherrscht, beweist Wray vereinzelt in einprägsamen Splash- oder Full-Page Panels.

DER KULT brilliert durch seine spannende Geschichte, die von Starlin in klassischer Comicmanier überspitzt scheint, sich aber als eine erschreckend realistische Gesellschaftskritik offenbart. Damit erhält die interessierte Leserschaft mit dieser neu aufgelegten Geschichte als Deluxe Band einen hervorragenden Batman-Comic, der schonungslos brutal die Schwächen der Menschlichkeit offen zur Schau stellt.

Von mir gibt es ruhigen Gewissens 4 von 5 Bat-Heads. Einen musste ich allerdings für die teils grotesk anmutende Kolorierung abziehen. Dieses zu wenig gewürdigte Deluxe-Sammelband gibt es noch bei Panini zu haben. Das sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen!


4 von 5 Bat-Heads

DER KULT ist einer der ungewöhnlichsten Batman-Comics, die je veröffentlicht wurden. Hier werden die Grenzen zwischen Superheldengeschichte und psychologischem Horror verwischt. Dieses Werk ist eine düstere und intensive Reise in die Abgründe von Gotham City und Batmans Psyche.

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Bernie Wrightsons Illustrationen verleihen DER KULT eine unheimliche Atmosphäre, die stark an klassische Horrorcomics erinnert. Wrightson, bekannt für seine Arbeiten an Swamp Thing und seinen Frankenstein-Illustrationen, bringt hier seine Vorliebe für groteske und detailreiche Zeichnungen voll zur Geltung. Seine Darstellung von Gotham City ist bedrückend: Die Stadt ist voller Schatten, Ruinen und beklemmender Enge und wirkt zugleich wie ein lebender Organismus. Die Bilder sind oft überladen mit düsteren Details, die eine apokalyptische Stimmung erzeugen. Von Kult-Symbolen über verzerrte Perspektiven bis hin zu verstörend realistischen Porträts von Wahnsinn und Gewalt – jede Seite lädt dazu ein, genau betrachtet zu werden.

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Bill Wrays Farbpalette verstärkt diesen Eindruck. Durch den Einsatz von dunklen, erdigen Tönen und kontrastreichen Lichtakzenten wird die Welt noch unwirtlicher und surrealer. Gelegentliche blutrote Akzente sorgen für Schockmomente und unterstreichen die Brutalität der Handlung. 

Die Geschichte von DER KULT wirkt unheimlich prophetisch, obwohl der Comic bereits 1988 veröffentlicht wurde. Blackfires Manipulationstechniken und seine Fähigkeit, aus Verzweiflung und sozialer Ungerechtigkeit Macht zu schöpfen, haben erschreckende Parallelen zu modernen politischen und gesellschaftlichen Bewegungen.

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Bereits in den 1980er-Jahren erstarkte die religiöse Rechte in den USA und versuchte, wieder stärkeren Einfluss auf Kunst und Kultur auszuüben. Insbesondere bei Comics forderte man eine Rückkehr zu den rigiden Richtlinien des Comic Code. Diese Bewegung gewann in den folgenden Jahrzehnten immer mehr an Einfluss. Besonders der Sturm auf das Capitol am 6. Januar 2021 ruft deutliche Assoziationen hervor. Wie Blackfires Anhänger, die die Straßen Gothams mit Gewalt überziehen, folgten auch die realen Randalierer blind einem Führer, der ihre Ängste und Vorurteile ausnutzte. Der Comic zeigt eindrücklich, wie gefährlich Charisma und Ideologie sein können, wenn sie auf eine emotional verletzliche Masse treffen.

Eine der größten Stärken von DER KULT ist, wie Jim Starlin Batman selbst darstellt. Der sonst so unerschütterliche Dunkle Ritter wird hier ein Opfer von Blackfires Manipulation. Gefangen, gebrochen und mental zermürbt, zeigt Batman eine Verletzlichkeit, die ihn nahbarer macht, ohne seine Stärke zu untergraben. Umso erschreckender ist es, mit anzusehen, wie er als willenloser Vollstrecker des Kultes agiert. Dabei greift Jim Starlin zu einem der drastischsten und umstrittensten Mittel der Darstellung von Batman. Starlin zeigt damit, dass selbst ein moralisch gefestigter Charakter wie Batman manipuliert und dazu gebracht werden kann, entgegen seinen Überzeugungen zu handeln.

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Batmans Reise zurück zu sich selbst ist nicht nur spannend, sondern auch tief bewegend und thematisch bedeutsam. DER KULT stand lange im Schatten von Frank Millers THE DARK KNIGHT RETURNS und BATMAN – YEAR ONE. Zu Unrecht, denn im Laufe der Zeit hat sich dieser Comic zu einem Meisterwerk entwickelt, das Horrorästhetik, politische Gesellschaftskritik und psychologische Tiefe nahtlos miteinander verbindet.


5 von 5 Bat-Heads

Visual Noise
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“You wanna get nuts? Come on! Let’s get nuts!” – Bruce Wayne (1989) / Lego Batman (2017) / Batman (2023)

2 Kommentare

  1. Wahrscheinlich haben auch Christopher Nolan, die Architekten der Knightfall- Saga und Grant Morrison ihre Werke von „Der Kult“ inspiriert geschaffen. Wer’s noch nicht gelesen hat, kann bedenkenlos zugreifen.

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Der vorliegende Comic sollte dringend mehr Beachtung bekommen. Und darum kümmern wir uns jetzt! Aber das mache ich nicht allein ... Enthaltene Titel:Batman - Der Kult / Batman – The Cult #1 - 4 Autor*in: Jim StarlinKünstler*in: Bernie WrightsonColorist*in: Bill Wray Verlag: PaniniSeiten: ca. 208Hardcover: 29,00 €Status:...Review: "Batman - Der Kult" (Deluxe Edition)
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