Menu

Review: Harleen 3

Es folgt die Review des finalen Teils von Stjepan Šejićs alternativer Origin „Harleen”.

Zum vorherigen Teil 2 geht es hier entlang

 

©Panini Comics Deutschland

 

Unter Psychologen heißt es, der Zustand von Verliebtheit sei nah an einer psychischen Störung. Stjepan Šejić scheint sich in diesem abschließenden Band seiner Trilogie auf die Fahnen geschrieben zu haben, genau das zu beweisen. Während wir in Teil 1 gemächlich erklärt bekommen, wer diese Harleen Quinzel eigentlich ist und die Stolpersteine auf ihrem Weg zur toxischen Beziehung mit dem Joker behutsam drapiert werden und sie im zweiten Teil schon wild mit den Armen rudernd den Hügel des Verderbens nach unten stürzt, sich immer mal wieder aufrichten kann, um dann doch wieder zu fallen, steckt sie im vorliegenden Band von Beginn an im Morast. Hier sehen wir keine Entwicklung, keine Wandlung mehr: Harleen ist angekommen und zwar in den Armen des Jokers.

©Panini Comics Deutschland

Das wiederum ist irgendwie auch das Problem dieses letzten Teils der Trilogie. Denn Šejić simuliert hin und wieder weitere Entwicklungsschritte, nutzt dafür auch Erklärungen und Rückblenden und doch bleibt das Ganze statisch; ein besonders drastischter Übertritt seiner Hauptfigur zur eiskalten Harley Quinn ist (zumindest für mich) an der jeweiligen Stelle kaum nachzuvollziehen und nur schwerlich zu erfühlen. Das ist bedauerlich, da Šejić ja nun über zwei Bände hinweg bewiesen hat, dass er den Drift Harleens gut (be)schreiben und spannungsvoll zur Eskalation führen kann.

Das gelingt hier nur mäßig. Wahrscheinlich, weil von Beginn des dritten Bandes an klar ist, dass Harleen nicht mehr – sie hat sich hingegeben… der Überforderung, ihrem eigenen Fehlverhalten, dem Joker. Šejić hat in seinem Portfolio einiges an erotischer Literatur und v. a. entsprechendem Artwork zu bieten und diese Erfahrungen kommen ihm hier zugute. Die Leidenschaft von Harleen und Mr. J. wird hier entsprechend (soweit es eben für einen Verlag wie DC Comics in Ordnung ist) explizit körperlich dargestellt. Wer Šejićs Strich mag, wird auch das ansprechend finden. Denn bizzarerweise hat es etwas Faszinierendes, fast Charmantes den Beginn dieser Beziehung mitzuverfolgen. Vermutlich, weil man auch so lange der gequälten Psychiaterin zuschauen musste und man sie endlich leichter und befreiter erleben kann. Dass der Preis dafür sehr wahrscheinlich zu hoch ist, ist ein No-Brainer. Doch wie gesagt, Harleen will nicht mehr kämpfen, tanzt lieber mit dem Teufel und findet es nicht einmal mehr notwendig, sich diesbezüglich selbst zu belügen: „Und obwohl in meinem Terminplan ‚Sitzungen‘ stand, hatten wir Dates.”

 

Dieses Zitat fasst sehr gut zusammen, wie sich die Zusammentreffen von Harleen und dem Joker gestalten bzw. was wir da zu sehen bekommen. Dass wir derartiges auch nochmal in den Gedankenboxen nachlesen müssen, offenbart ein spezifisches Problem in diesem dritten Band – den Zwang, das Gezeigte, selbst das Offensichtlichste, nochmal benennen zu müssen. So lässt Šejić Harleen schließlich im inneren Monolog die (auch v. a. für die Protagonistin selbst) folgenschweren Worte formulieren: „Ich bin die Einzige, die ihm helfen kann. […] Weil ich ihn liebe.”

Na sowas, wer hätte das gedacht?! Im Grunde sind das Worte, die jeder mit Kenntnis der Figur auch von ihr erwartet; vielleicht kann man zunächst auch innerlich einen Haken daran machen. Doch mit Abstand betrachtet, entwertet Šejić damit sein eigenes Werk und seine – uns zuvor als komplexen Menschen verkaufte – Harleen. Mit Band 1 war klar – das ist nicht „Mad Love”. Hier verfällt die junge, unbedarfte Berufsanfängerin nicht einfach dem manipulativen Clown. Band 2 hat das noch unterstrichen, indem der (Ver)Fall der Harleen Q. detailverliebt und verständlich dargelegt wird und nun … ist sie trotzdem nur ein schwaches Dummchen, das glaubt, einen brutalen Killer mit ihrer Liebe heilen zu können. Das ist in hohem Maße dämlich, weil es eben völlig der bisherigen Charakterisierung Harleens widerspricht. Aber aus irgendeinem Grund war es dem Autor offenbar wichtig, dies dem Leser möglichst mundgerecht in 2 Sätzen zu präsentieren. Und leider folgen diesen beiden noch viele weitere offensichtliche Zuschreibungen, die Šejić unbedingt in Text gießen musste.

D:\Bats\01 Batmannews\Review #004Harleen\2_harleen-3-von-3-leseprobe-dblack011.jpg

©Panini Comics Deutschland

Wie schon in den vorherigen Reviews erwähnt, nutzt er seine Bildsprache nicht immer subtil. Oft kann man erkennen, worauf er anspielt, welchen Subtext er vermitteln will. Doch bislang war diese Gestaltung entweder angenehm augenzwinkernd oder schlicht genial. Dem scheint Šejić selbst nicht mehr zu trauen und beginnt mit Seite eins des Bandes, dem Leser haarklein zu erklären, was er ihm eigentlich hätte zeigen sollen. Oder besser gesagt – was er ihm in den beiden Bänden zuvor schon (auf teils beeindruckende Weise) gezeigt hat. Es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, die Grenzen der bisherigen Selbstreflexion Harleens auszudehnen.

Selbst in diesem finalen Band beweist Šejić ja, dass er immer noch verschiedene Ebenen mühelos bespielen kann. Zum Beispiel lässt er inhaltlich eine Figur starke Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Therapie mit Straftätern äußern (und mit Blick auf Harley möchte ihm der voreilige Leser gern zustimmen), während er zeitgleich auf der Metaebene nichts Anderes tut, als ständig dezidiert Erleben und Verhalten seiner Protagonisten zu ergründen und zu erklären, sprich zu psychologisieren. Das wiederum führt ggf. zu Verständnis für die Figuren und andererseits trivialisiert diese Darstellung die Mystifizierung von Batmans Gegnern, allen voran die des Jokers. Das kann man mögen oder nicht; anzuerkennen ist aber, dass er bei dieser Form der paradoxen Erzählweise konsequent bleibt. Wie gesagt ist das leider bei vielen anderen Punkten nicht mehr der Fall.

 

Das trifft zum (kleinen) Teil auch auf das Artwork zu. Die Anzahl unsauberer Zeichnungen nimmt zu und es wirkt, als habe der Abgabetermin gedrückt. Vor allem trifft das wieder mal auf Batman zu. Nichtsdestotrotz ist die oftmals panelübergreifende und figurenzentrierte Gestaltung nach wie vor ein Hingucker. Zeichnet Šejić auch hie und da nicht ganz zu Ende (was v. a. auf dialoglastige Sequenzen zutrifft), so sind doch einige beeindruckende Splashpages dabei. Sobald die Handlung actionreicher wird und an Fahrt aufnimmt, wirken auch die Figuren größer, einnehmender. So ist man als Leser – gemeinsam mit den Protagonisten – gleichermaßen überfordert wie fasziniert – eine Einladung zum Zurückblättern.

©Panini Comics Deutschland

So führt uns Šejić gewohnt eskalativ zum Showdown, verknüpft den v. a. in Band 2 zusätzlich angestoßenen Handlungsstrang spannend mit der Geschichte um Harleen und den Joker und öffnet dann mit einem Knall die Manege für jede Menge weiterer Akteure. Die zunehmende Geschwindigkeit in Text und Zeichnungen ist spürbar und tatsächlich mitreißend – bis das Ganze unsanft gestoppt wird. Denn in einem Knall endet auch das Ganze (naja, es gibt noch einen Epilog) und gerade dieser Moment lässt einen mit gemischten Gefühlen zurück. Einerseits fällt der Fokus in dem ganzen finalen Chaos auf eine isolierte Szenerie, zu der Šejić wirklich sehr schön hingeleitet hat. Andererseits führt diese Plötzlichkeit ein paar Seiten später zur oben beschriebenen Abkehr von seiner eigenen Figurenentwicklung. Mit einem Mal ist alles vorbei … für uns und für Harleen … begleitet von diesen unsäglichen, nicht enden wollenden, alles offenbarenden Denkblasen, die einem an dieser Stelle wirklich jede Möglichkeit der Eigeninterpretation nehmen. Trotzdem vermag der Autor es nicht, die Eskalation zum Schluss befriedigend zu erklären, obwohl er sich so sehr bemüht. Harleys Monolog ist nach all dem Vorangegangenen viel zu trivial für das, was dort geschieht.

Auf mehr als 200 Seiten hat Stjepan Šejić versucht, seiner Harleen Tiefe und Dreidimensionalität zu verleihen und uns jeden Entwicklungsschritt im Detail zu zeigen oder zu erklären.

Nun, zum Schluss seiner Trilogie, belässt er plötzlich die letzten (vielleicht auch die wichtigsten) Ecken ihrer Psyche im Dunkeln. Damit betrügt er seine eigene Erzählung. Denn entweder wäre dann vorher weniger mehr gewesen oder er hätte den finalen Abschnitt anders, nachvollziehbarer gestalten müssen.

Mir ist aber bewusst, dass man das auch völlig anders sehen kann und diesen letzten Schritt der Figurenentwicklung einfach kauft. Für mich ist der Abschluss dadurch leider nicht ganz so rund, wie ich es erhofft hatte. Doch auch, wenn das schwächere Ende etwas den Gesamteindruck schmälert, so wird die Nörgelei dem Werk aber nicht gerecht. Šejić spielt auch in diesem Band seine Stärken aus und legt an mancher Stelle auch nochmal eine Schippe drauf. 4 Jahre hat er an der Trilogie gearbeitet und die Investition hat sich gelohnt. Über 3 Bände hinweg wurde uns in ungewohnten, zum Teil gemäldeartigen Bildern der Selbstzerstörungstrip der Harleen Quinzel dargelegt, der weit über übliche Origin-Erzählungen hinausgeht. Und ja, ich bin so naiv – ich will das als Film. Mit Margot Robbie, mit einem Joker, einem Batman und gerne auch mit den anderen hier wichtig gewordenen Charakteren. Das Gesamtwerk ist großartig und adelt die Figur der Harley Quinn in jeder Hinsicht.

 

Fazit zu Band 3

Der dritte Band von „Harleen” ist der Schwächste der Reihe.  Dabei überdecken die wenigen Makel unglücklicherweise die vielen kleinen Highlights und Actionsequenzen, die Stjepan Šejić hier so schön orchestriert hat. Gekonnt führt er seine Figuren und Storystränge zur Klimax hin, ohne dabei zu viele Fäden liegen zu lassen. Das Artwork bleibt weiterhin bemerkenswert, auch wenn an mancher Stelle die Qualität nachlässt. Inhaltlich bietet der dritte Teil von Harleen die durch die Protagonistin gefärbten Einblicke in die ersten Tage und Wochen ihrer zunächst sehr leidenschaftlichen Beziehung mit dem Joker. Erste Andeutungen auf die unheilvolle Zukunft bleiben dabei erneut nicht aus. Gekrönt wird das Ganze mit einem actionreichen Finale, das sich sukzessive aus der Handlung ergibt. Der begleitende innere Monolog Harleens fügt sich aber in diesem Band nicht so natürlich in das Gesamtbild ein, wie in den beiden Vorgängern und ist stellenweise ziemlich nervig. Der Übertritt von Harleen zu Harley bietet Potenzial für Kontroversen und sticht durch einen ungewohnten Bruch im Erzählstil heraus. Das hastig erzählte Ende trübt daher den Eindruck des sonst stimmig gestalteten Finalbandes. Daran wird sich im Zweifel aber nicht jeder stören.

 

D:\Bats\01 Batmannews\Review #004Harleen\#1\Wuinn.jpg

©Panini Comics Deutschland

 

Fazit zu „Harleen“ als Gesamtwerk

In beeindruckender, weil auch ungewohnter Weise schildert Stjepan Šejić den Selbstzerstörungstrip einer Frau, die eingangs lediglich das eigene Glück sucht sowie die Möglichkeit, anderen Menschen und der Gesellschaft zu helfen. Ihre persönliche Tour de Force beginnt mit einem traumatischen Erlebnis, setzt sich in persönlichen Niederlagen fort und gipfelt in der Liebesbeziehung mit der destruktivsten Gestalt, die das Bat-Verse je hervorzubringen vermochte – mit dem Joker. Der Weg dorthin ist eine Zumutung für den Leser, denn er muss Harleen dabei zusehen, wie sie allerlei Versuche unternimmt, ihren zunehmend desolaten Zustand zum Besseren zu kehren und jede dabei getroffene Entscheidung sie noch näher an den Rand der Katastrophe rückt. Šejićs Darstellung ist dabei hervorragend gestaltet. Seine Protagonistin bemerkt die Fehler, die sie macht und tut unglücklicherweise mehr vom Selben, um diese zu bereinigen. Dadurch erscheint uns Harleen nur allzu menschlich – eine kluge Frau, die Dummes tut, um die Dummheiten der Vergangenheit ungeschehen zu machen. Nachvollziehbar zeigt Šejić auf, wie das Zusammenspiel innerer wie äußerer Faktoren und Veränderungen den Abwärtsstrudel antreiben und sich Harleen dadurch immer weiter in sich selbst verstrickt. Gestützt wird das von dem recht einzigartigen Zeichenstil Šejićs und seinem Hang zu großen symbolträchtigen Bildern und Splashpages. Die meisten Panel sind streng charakterzentriert gestaltet und öffnen sich, sobald es die Geschichte erfordert. Dadurch bilden die etwas mangaartigen Bilder zusammen mit der Erzählung eine einzigartige Mischung, die zu fesseln und zu gefallen weiß. Auch wenn das Ende nicht mit den beiden vorangegangen Teilen gleichziehen kann, so ist „Harleen” als Gesamtwerk im üblichen Comic-Einerlei schon etwas Besonderes. Leseempfehlung!

 

Der dritte Band von „Harleen“ mit 68 Seiten ist hier bei Panini zu bekommen (und hier mit Variant-Cover). Für Komplettleser bietet der Stuttgarter Verlag derzeit ein entsprechendes Bundle an. Ob ein Gesamtband kommt, ist uns noch nicht bekannt.

 

Wer gern nur einen Sammelband hätte, muss sich also vorerst mit der englischsprachigen Variante* behelfen. Bei Kindle/Comixology* ist das Ganze digital derzeit sogar für nur 5,99 € zu bekommen. Empfohlen werden dennoch die Print-Ausgaben.

 


*Alle aufgeführten Links zu Amazon sind sogenannte Affiliate-Links. Wenn ihr auf so einen Verweis klickt und über diesen Link einkauft, bekommt Batmannews.de von eurem Einkauf eine Provision. Für euch verändern sich die Preise dadurch aber nicht.

Schiller
Batmanfan seit frühester Kindheit; besonders geprägt durch die Animated Series und die Dino-Comics.

6 Kommentare

  1. Lars sagt:

    Vielen Dank für die Besprechung.

  2. Visual Noise sagt:

    Ich kann mir die (wahrscheinlich) gute Kritik gar nicht durchlesen…

    …ich habe immernoch GOTHAM CENTRAL im Nachtschrank, weil sich davor noch die BATMAN DETECTIVE COMICS Rebirth-Reihe geschoben hat, dazwischen immer wieder WONDER WOMAN kommt, ein BATMAN EGO, abgeschlossene Superman-Über-Coole-Schnitten-Geschichten (Lass ich patentieren!?) reinzimmern, auf einmal die TEEN TITANS und ihre Neuauflage Zoomba tanzen… … …und und und!

    So! Jetzt hab ich Bock auf die Harleen-Interpretation… Wer bezahlt das neue Regal? Hab mich mit den Kritiken zu Teil 1 und 2 ja sowieso teils gespoilert… ^^“

    • Schiller Schiller sagt:

      Ja, ja, das ewige Lied und Leid des Comicliebhabers 🙂 . Um dir bei der Kaufentscheidung behilflich zu sein: die wirklich guten „Spoiler“ waren in den Kritiken gar nicht mit dabei 😉

      • Visual Noise sagt:

        Gebongt! Gerade ne E-Mail an meinen Lieblings-Comicladen geschrieben! xD Wenn man schon kein Geld hat,sollte man es qenigstens ausgeben! xD Außerdem mag ich die großen Druckerzeugnisse!? Da ist man beim Lesen so andächtig! ^^

    • Henning Henning sagt:

      Was sind das für interessante Superman-Geschichten? 😀

      • Visual Noise sagt:

        Dazu muss man sagen,dass ich Superman noch nie mochte… Das hat sich erst mit MAN OF STEEL geändert… Aber! Halte deinen Dolch zurück! xD Ich habe dadurch mit abgeschlossenen Superman Comics angefangen und seinen Comiccharakter wirklich ins Herz geschlossen! ^^

        Ganz aktuell ist es eine King Story „Jenseits der Erde“!? Aber kürzlich habe ich den „Genossen“ geschaut und danach gelesen!? Zudem habe ich festgestellt,dass ich einen großen Hang zu den 90er Zeichenstil habe und dadurch leidenschaftlich die Sammelbände rund um Supermans Tod gelesen habe!?

        Ich muss halt nur aufpassen,dass die Storys bereits abgeschlossen sind und sich nicht auf 10 Bände ausweiten,weil ich sonst das Duldungs-Abkommen mit meiner Freundin verletzen würde und im schlimmsten Fall eine Batman-Serie einstellen müsste!? xD Also wenn es in dem Bereich was Empfehlenswertes gibt – bitte gern! ^^

        Ach ja – die TRINITY Reihe müsste ich auch mal lesen!? Man man man…

Schreibe einen Kommentar

Neueste Kommentare

THE BATMAN Trailer