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Review & Analyse: Harleen 2

Im Folgenden widmen wir uns dem zweiten Teil von Stjepan Šejićs Harleen-Saga und prüfen, wie gut ihm der Anschluss an den ersten Band gelungen ist.

Kleine Warnung vorab: die Rezension enthält seichte inhaltliche Spoiler zu „Harleen“, Bände 1 und 2. Diese sind hinter den Spoiler-Tags verborgen.
Die Review zu Teil 1 findet ihr hier.

 

 

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©Panini Comics Deutschland

In der Extended Version zu „Der Herr der Ringe – Die zwei Türme“ formuliert Regisseur Peter Jackson das Naturgesetz, dass die Umsetzung des Mittelteils einer Trilogie die größte Herausforderung bei der Erstellung eines Dreiteilers sei. Selbstvetrständlich müssen Charakterzeichnungen und Fäden aus der Einführung aufgegriffen und weitergesponnen werden. Eine große Herausforderung liegt zudem im Wissen des Rezipienten, dass das Ende der Geschichte hier noch nicht auf ihn wartet. Denn trotz dieses Wissens muss die Spannung der Geschichte erhalten bleiben. Das heißt (im Fall von „Harleen„), der Autor möchte bestenfalls im ersten Teil die Figuren und deren Welt so gut eingeführt und erzählt haben, dass sich Geschichte, Charaktere und Interesse an ihnen aus den Figuren selbst ergeben. Wie in der Review zum ersten Teil von Harleen geschrieben, ist das Stjepan Šejić auf herausragende Weise gelungen. Bleibt also die Frage, ob er das Versprechen, welches er mit der Exposition gegeben hat, aber erst mit dem dritten Band einlösen kann, im vorliegenden Teil wenigstens halten wird. Es gilt daher nicht, Teil 1 zwingend zu toppen, wohl aber die Qualität zu halten und die Figuren und deren Geschichte – allen voran Harleen Quinzel – angemessen zu würdigen. Schauen wir also mal, inwieweit das gelingt.

Im Hinblick auf das Erzähltempo nimmt Band 2 ordentlich an Fahrt auf. Das ist auch inhaltlich notwendig, denn das Leben von Harleen stagniert zu dem Zeitpunkt, ab dem wir als Leser wieder einsteigen.

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Aus weiteren (deutlich dargestellten) Gründen nähert sich Harleen auch bald dem für sie eigentlich furchteinflößenden Clownprinz des Verbrechens in dessen Zelle. Im Gegensatz zum unterkühlten Batman begrüßt Joker die Zuwendung der angeschlagenen Psychiaterin. Behutsam spinnt er sein Netz aus Halbwahrheiten, Attraktivität und Faszination um den verletzlichen Geist Harleens. So beginnen die Dominosteine erst unmerklich und dann immer schneller zu fallen.

Šejić beschreibt weiterhin hervorragend die kleinen Übergriffe des Jokers, diese winzigen, fast unmerklichen Grenzverschiebungen, die er nie brachial, sondern immer subtil geschehen lässt. Dadurch gewinnt vor allem der Joker selbst erstaunlich viel an Charaktertiefe. Zwar ergeht er sich in erwartbare selbstgerechte Monologe, wird aggressiv und zynisch. Doch er verliert Harleen dabei kaum aus den Augen, scheint sich immer gewahr zu sein, dass und wie er diese Frau für sich gewinnen kann. Šejić bietet uns den Joker als lauernde Bestie dar – geduldig, abwartend, gefährlich.

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©Panini Comics Deutschland

Auf Harleens Seite wiederum sehen wir (wie im ersten Teil) Kipppunkte – einen veränderten Ausdruck in ihrem Gesicht oder ganze Gesten der Offenheit. Der Joker schlägt sofort in jede dieser ihm dargebotenen Kerben – charmant, verständnisvoll, aber immer die Regeln diktierend. Hier erleben wir den großen Manipulator par excellence und erfahren (unterstützt von Šejićs Bildsprache), warum der Clownprinz einer der gefährlichsten Gegner Batmans ist.

Harleen allerdings, ist nicht das Mad Love Dummchen, das blindlings in die ausgelegten Fallen tappt. Sie spürt die Gefahr. Sie bemerkt die Angriffe auf ihr Ego und kann diese lange Zeit abwehren. Harleen kann (oder will?) nur nicht wirklich verstehen oder einordnen, warum all diese Ereignisse sie so quälen. Auch weiß sie nicht, wohin sie sich wenden sollte bzw. wie sie sich behelfen kann. Sie steckt weiterhin in einem Strudel der Selbstzerstörung.

Harleen will und muss unbedingt zu ihrem Ziel kommen und nimmt in Kauf, dass sie dabei erkennbare Fehler begeht. Sie lügt, sie betäubt sich, achtet kaum noch auf ihre (geistige) Gesundheit und ist damit nicht nur unaufmerksam, sondern auch anfälliger für Jokers Manipulationsversuche. Schritt für Schritt entfaltet sich diese Abwärtsspirale vor dem Auge des Lesers; ebenso die innere Not Harleens. Die sanfte, graduelle Erzählweise Šejićs führt dazu, dass dieser Absturz in Zeitlupe allzeit menschlich wirkt und für den Leser verständlich bleibt. Harleen kann dabei durchaus kleinere innere Kämpfe gewinnen. Es sind die Wiederholungen, die vielen schlechten Tage und die vielfach überfordernden Ereignisse, welche der jungen Frau schließlich zusetzen und ihre Anfälligkeit erhöhen.

In Kombination mit dem berechnenden und gleichermaßen wilden Joker, ergeben sich – gerade durch die Therapiesetting – Szenen wie aus „Das Schweigen der Lämmer“. Der Joker ist Harleen immer einen Schritt voraus. Die wiederum kann das spüren, hat sich aber eine Aufgabe gestellt für die sie – allen Warnsignalen zum Trotz – eine Grenze nach der anderen überschreitet.

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Harleen erkennt fast jede Zudringlichkeit ihres skrupellosen Gegenübers und sie nimmt wahr, ab welchem Zeitpunkt sie sich zu stark öffnet. Doch sobald sie bemerkt, dass sie die Kontrolle verloren hat, geht sie dazu über, diese zurückgewinnen zu wollen und sich nicht zurückzuziehen. Ein Machtkampf, den Harleen unter den gegebenen Umständen nicht gewinnen kann. Hinzu kommen – ebenfalls plausibel dargestellte – komplexe Gefühlslagen, die die junge Psychiaterin gerade in den pikanten Situationen überfordern. Dieser Überlastung begegnet sie dann auch noch, in dem sie noch mehr von den Dingen tut, die ihr schaden. Ein Teufelskreis. Erneut.

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Um die Ereignisse zusätzlich in Gang zu bringen, gibt es einen weiteren Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte, der fließend darin eingewoben wird. Schon ziemlich zu Beginn führen die tragischen (den Fans ebenso bekannten) Vorfälle im Leben einer weiteren Figur aus dem Batmanuniversum zu einer Kettenreaktion an Ereignissen, von denen auch Harleens Welt nicht unberührt bleibt. Auch die Entwicklungen rund um diesen Charakter werden behutsam und nachvollziehbar erzählt.

Der ein oder andere wird es vielleicht schade finden, dass die Origin von Harleen dieses Vehikel braucht, damit sie spannend bzw. interessant bleiben kann. Andererseits zeugt es vom erzählerischem Können Šejićs, wie stilvoll er die schon bestehende, reichhaltige Batman-Welt nutzt, um seine Geschichte zu erzählen. Denn auch, wenn sich der Fokus auf diese Weise vereinzelt von Harleen wegbewegt (ganz im Gegensatz zu Teil 1), bleibt Šejić erzählerisch wie gestalterisch möglichst figurenzentriert und verliert nie seine Protagonistin aus den Augen. Das trifft gleichermaßen auf die Zeitebenen zu. Bis auf einige seltene, kurze Ausblicke auf Harley Quinns brutale Zukunft, bleibt Šejić weiterhin dem Harleen-Pfad treu.

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©Panini Comics Deutschland

Die emotionsfokussierten Zeichnungen unterstützen abermals die charakternahe Dramaturgie, auch wenn der Strich hie und da etwas unsauberer erscheint, als noch im ersten Teil. Šejić verwendet erneut seine geschmeidige Symbolsprache, welche die anstehende Verwandlung zu Harley vorwegnimmt. Außerdem finden sich vereinzelt Referenzen für den geübten Comicleser und Batmanfan (man achte auf die bereitgestellten Kaffeebecher in Arkham).

Wie schon zuvor finde ich aber den Stil für die Darstellung Batmans unpassend. In „Nahaufnahmen“ sieht er irgendwie seltsam – im Gegensatz zu all den anderen Figuren – zu sehr nach Comic oder Manga aus. Aber immer, wenn sich Batman in den Schatten bewegt, lässt ihn Šejić wieder bedrohlich und beeindruckend erscheinen. Man könnte freundlich unterstellen, es sei Absicht, den Dunklen Ritter einerseits als bloßen Mensch im geschneiderten Kostüm darzustellen und andererseits als den brutalen, fruchteinflößenden Verbrechensbekämpfer, welcher fast übermenschlich wirkt.

Die Geschichte kann hier aber manchen Stilbruch retten und vice versa pointieren die Bilder die erzählte Handlung. Die Faszination an der Harleen-Reihe ergibt sich ohnehin aus der gut getakteten Kombination von Zeichnung und Text, die Šejićs fantastischen Erzählstil ergibt. Es ist manchmal kaum zu glauben, dass in Harley Quinns Origin ein derartiges Potenzial schlummerte. Auch in Band 2 ist die Geschichte vielfach eine Hommage an „Mad Love„, ohne sich aber an dessen Schlichtheit zu bedienen. Wo es möglich ist, löst sich Šejić von der Vorlage, gestaltet seine Charaktere komplexer, menschlicher und rückt in diesem Band auch andere Figuren in den Fokus.

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Fazit

Die Beziehung von Joker und Harley war schon immer eine Besondere. Eine Verbindung, geprägt von Leidenschaft, Erniedrigung und Gewalt. Ohne dass Šejić diese langjährige Gewalterfahrung Harleys vorwegnimmt, bietet er doch einen dezidierten Blick auf den Schwellenübertritt hin zu dieser toxischen Beziehung. Harleen wendet sich aus persönlicher Not heraus an den einzigen Menschen, der für sie erreichbar scheint, obwohl dieser im Grunde für den Großteil ihres aktuellen Leidenszustands verantwortlich ist. Šejić hat erneut seine Hausaufgaben gemacht, sowohl, was den formellen psychiatrischen Teil der Erzählung betrifft, als auch bei der Darstellung seiner Charaktere an sich.

©Panini Comics Deutschland

Er liefert auch in Band 2 eine sorgfältige Analyse menschlichen Verhaltens, der Funktionalität von Manipulation und der Veränderung persönlicher Einstellungen. Im Gegensatz zu Teil 1 scheint die Geschichte hin und wieder den Fokus zu verlieren, findet diesen aber schnell wieder. Nichts geschieht ohne Sinn.

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Die Raffinesse Šejićs aber findet sich in der Allmählichkeit der Erzählung. Der Leser wird (womöglich unfreiwillig) Zeuge des stetigen Falls der Harleen Q. Dabei führt dieser aber nicht direkt ins Bodenlose. Es wirkt mehr so, als würde sie eine immerwährende Treppe nach unten stürzen, eine Stufe nach der anderen; manchmal völlig gewahr, dass sie sich gleich noch schwerer verletzt und trotzdem den rettenden Griff nach dem Handlauf auslässt. Der Leser kann fast körperlich spüren, wenn Harleen wieder eine fatale Fehlentscheidung getroffen hat oder auch nur unaufmerksam war. Šejić lässt jede Möglichkeit zur plumpen Simplifizierung gekonnt liegen. Er lässt seinen Figuren Raum für die Entfaltung komplexen menschlichen Erlebens und Handelns. Trotz dessen hält er die Story und die Dialoge angenehm einfach und unterstützt dies notfalls mit überdachter Bildsprache. Vielschichtigkeit für jedermann.

Wie eingangs beschrieben, hat es der Mittelteil einer Trilogie nicht leicht. Der Rausch der Einführung ist verflogen und bis zum Finale dauert es noch ein Stück. Im Fall von „Harleen“ muss man sich da aber keine Sorgen machen. Šejić beherrscht sein Handwerk und vermag es, den Leser bei der Stange zu halten. Vielmehr noch, er ergänzt Geschichte und Figuren um weitere, spannende Elemente und behält dennoch die ganze Zeit den Überblick. Dieser zweite Band ist eine gelungene Fortsetzung und sorgt für große Vorfreude auf den Abschluss dieser Trilogie.

Band 2 ist in Deutschland bei Panini erschienen. Auch der finale dritte Teil liegt seit dem 09.06.2020 vor und wird von uns hier besprochen.

Batmanfan seit frühester Kindheit; besonders geprägt durch die Animated Series und die Dino-Comics.

5 Kommentare

  1. ejb sagt:

    es ist ein bisschen schade, dass sich nie die zeit genommen wird, die es eigentlich bräuchte, um wirklichen tiefgang zu erzeugen. letztlich bleibt diese harleen-story ein backfischroman, dem die abgedrehtheit von ‚joker: killer smile‘ fehlt. der joker ist schwer greifbar, und bleibt innerhalb dieses psychiatrie-settings immer hinter hannibal lecter zurück. letzterer war in den hopkins-filmen immer nur ein faktor, eingebunden in ein externes geschehen – dieses externe gibt es bei den jokercomics nicht, man hat immer nur die privatheiten der protagonisten, und ihren bezug zum joker. da der joker aber eigentlich kaum etwas zu tun hat, da er sich nicht in etwas anderes einbettet, sondern selbst der fokus sein soll, bleibt er immer ziemlich blass. deshalb wäre ein comic angemessen, der einfach verschiedene dimensionen dieser schwergreifbarkeit miteinander verwebt – verschiedene erlebensweisen des jokers, meinetwegen durch verschiedene perspektiven von einzelcharakteren, aber innerhalb eines plots. das hat man bisher einfach noch nicht hinbekommen.

    • Schiller sagt:

      Vielleicht überraschen uns da Geoff Johns und Jason Fabok mit ihrer Three Jokers Storyline. Obwohl man sich da sicherlich nicht zu viel (Tiefgang) versprechen sollte.

      So backfischig kann ich Harleen jetzt nicht finden. Zuvor habe ich noch keine bessere Behandlung der HQ-Origin gesehen und Šejić zeigt sich äußerst bemüht, viele Facetten in den Wandel dieser Figur mit einfließen zu lassen. Dem Joker kommt hier die Rolle des Manipulators zu. Mehr Tiefe gibt es für ihn tatsächlich nicht. Braucht es mMn aber auch nicht. Ist ja Harleens Geschichte.

      • ejb sagt:

        es ist im grunde eine coming of age geschichte um harleen, die es als promovierte psychaterin mit selbstzweifeln jugendlichster orientierungslosigkeit trotzdem schafft, sich in ihren patienten zu verknallen – das ist so backfischig, wie es nur sein kann, wenn man in einem superhelden-universum verbleibt. allerdings wollte ich das gar nicht als kritik verstanden wissen. so ist der charakter nunmal angelegt, und ihm hat diese erste ordentliche originstory seit btas durchaus gut getan. der comic hat weder in sachen geschichte noch graphik irgendwelche kritik verdient – was man ja daran merkt, dass ich mit meiner einschätzung zu thomas harris verfilmungen vergleiche, was den rahmen deutlich sprengt. wenn man innerhalb des angemessenen relationsbereiches bleibt, muss man harleen jedem batman-fan nachdrücklich ans herz legen.

  2. Lars sagt:

    Danke für die tolle Besprechung. Nach der zum ersten Teil war ich eigentlich schon überzeugt, warte aber dennoch die zum Finale ab. Ich weiß, ist eigentlich falsch, da man ja den Verlag mit dem Kauf des ersten Bandes schon unterstützen müsste, damit der auch die anderen Bände herausbringt. Ich warte nur, ob es einen gesamtband mit allen Teilen gibt.
    Es wäre im übrigen wünschenswert, im Menü unter der Rubrik News auch einen Reiter für Comics zu haben. Dann könnte man eure Besprechungen und News schneller finden. Ab sonsten weiter so.

    • RexMundi sagt:

      „Es wäre im übrigen wünschenswert, im Menü unter der Rubrik News auch einen Reiter für Comics zu haben.“
      Dem kann ich mich anschließen. Das nervt manchmal ganz schön.

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