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Joker: Die Banalität des Bösen

Ohne Spoiler! Sind Comics Kunst? Und können Comicverfilmungen Arthouse Filme sein? Über beide Fragen streiten Kritiker sicherlich schon seit Jahrzehnten. Todd Phillips liefert mit seinem „Joker“ Film ein Statement wie es eindrucksvoller nicht sein könnte.

Als dieses Projekt angekündigt wurde, war ich einer der Skeptiker schlechthin. Wer braucht schon eine Origin Story für den bekanntesten Batman Antagonisten überhaupt? Filmisch wurde das schon von Tim Burton 1989 umgesetzt und Christopher Nolan war immerhin schlau genug die Vorgeschichte des Jokers im Dunkeln zu lassen.

Meine Stimmung kippte mit der Sichtung des ersten Trailers. Die Nähe zu Martin Scorseses „Taxi Driver“ hatte mich sofort angesprochen und schon im Trailer konnte man erkennen, dass Joaquin Phoenix eine schauspielerische Tour de Force abliefern würde. Dieser Eindruck wurde dann vom 2. Trailer noch einmal gefestigt. Überraschenderweise war der 2. Trailer dann eine Hommage an Scorseses „King of Comedy“.

Kurz vor der Pressevorführung kamen mir dann neue Zweifel: Bräuchte ich einen Martin Scorsese Film, der nicht von ihm selber, sondern von einem seiner Bewunderer inszeniert und geschrieben wurde? Einem Regisseur, der hauptsächlich für seine derben Komödien wie die „Hangover“ – Trilogie bekannt wurde?

Bei diesen ganzen Gefühlen erscheint es mir nur folgerichtig meine Review in einer Art „Erlebnisbericht“ zu schildern, denn diese Pressevorführung war für mich tatsächlich etwas Besonderes. Unter anderem hatte ich das großartige Vergnügen vor der Vorführung mit Alper und Marius von „Cinema Strikes Back“ ein tolles Gespräch zu führen.

Doch bevor ich weiter über meine Empfindungen schreibe, hier mal ein kurzer Abriss der Handlung: Wir schreiben das Jahr 1981, im Kino läuft mal wieder ein Zorro Film und Gotham City steht am Rande des Abgrundes. Der Turbokapitalismus zeigt sein hässliches Gesicht und es existiert eine tiefe Spaltung in der Gesellschaft. Das Symbol für diese Form des Kapitalismus ist Thomas Wayne, der sich anschickt, Bürgermeister von Gotham zu werden. In diesem Hexenkessel lebt Arthur Fleck, der sich mit Jobs als Straßenclown verdingt und der von einer Karriere als Stand-Up-Comedian träumt. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, denn das sollte man erleben.

Joker erinnert in vielerlei Hinsicht an die eingangs erwähnten Filme von Martin Scorsese. Er zitiert und zelebriert den jungen wilden Scorsese und seinen Beitrag zum New Hollywood Cinema. Die Parallelen zu „Taxi Driver“ sind vorhanden und doch geht der Film ganz andere Wege. Während wir in „Taxi Driver“ erleben, wie ein scheinbar normaler Mann langsam in eine Psychose mit fatalen Folgen abdriftet, erleben wir Arthur Fleck von Anfang an als zutiefst gestörte Persönlichkeit. Und auch wenn man anfangs versucht ist, Mitgefühl für Arthur zu empfinden, entwickelt man im Laufe der Handlung immer mehr Abscheu für seine Taten und ihn selber.

„Joker“ bekam in den USA ein R-Rating und wird in Deutschland ab 16 Jahren freigegeben. „Joker“ ist ein gewalttätiger Film, aber er ist kein „Splatterfest“ wie es ein „Deadpool“ war. Die gezeigten Gewaltspitzen sind auf den Punkt genau inszeniert. Sie sind nicht übertrieben dargestellt, sondern äußerst realistisch und genau aus diesem Grund funktionieren sie und bereiten dem Betrachter wirkliches Unbehagen. Das ist vielleicht die größte Stärke des Filmes. Das Sterben wird beinahe beiläufig dargestellt, brutal auf den Punkt und dabei erschreckend banal. Nie geschieht in diesem Film etwas aus reinem Selbstzweck. Es war eine erfrischende Seherfahrung so etwas noch einmal im modernen Kino zu sehen.

Der ganze Film wirkt über seine gesamte Laufzeit wie ein lebendig gewordener Alptraum. Die Kameraführung, die Lichtsetzung und der geradezu klassisch anmutende Schnitt unterstützen Todd Phillips dezent zurückhaltende Regie, um eine Komposition zu erschaffen, bei der man mehr als einmal nicht weiß, ob das Gezeigte Realität oder nur ein Hirngespinst des Protagonisten ist. Der fantastische Soundtrack von Hildur Guðnadóttir bildet dann quasi das i-Tüpfelchen für das Gesamtwerk.

Obwohl der Film in den 80er Jahren spielt, ist sein Gegenwartsbezug aktuell. Aber entgegen der weitläufig vorgefertigten Meinung, dass die „Gesellschaft den Joker erschafft“ ist es eigentlich viel schlimmer. Arthur Fleck entscheidet sich letztendlich aus freiem Willen für seinen Weg. Es ist aber die Gesellschaft, die zulässt, dass eine so gestörte Persönlichkeit zum Täter werden kann.

In den Vereinigten Staaten wurden Stimmen laut, die behaupten, dass der „Joker“-Film zur Gewalt animieren könnte. Und da erleben wir dann tatsächlich eine der üblichen Verdrängungsmechanismen in den USA. Anstatt ihre liberalen Waffengesetze in Frage zu stellen oder ihr marodes Gesundheitswesen zu sanieren, versucht man tatsächlich ein fiktionales Werk im Voraus zu verurteilen.

Die Antworten auf meine Fragen waren dann aber sehr einfach: „Joker“ ist ein absolutes Meisterwerk. Für mich ist er bis jetzt der beste Film des Jahres. Die Auszeichnung in Venedig ist mehr als gerechtfertigt und Oscarnominierungen in den Bereichen Drehbuch, Regie, Soundtrack, bester Film und bester männlicher Hauptdarsteller wären nur folgerichtig und absolut verdient.

Nach der Vorstellung traf ich dann noch Hennes Bender und Gerry Streberg von Sträter Bender Streberg, die ich dann mal eben spontan angesprochen habe, was eigentlich überhaupt nicht meine Art ist. Aber ich wollte unbedingt ein wenig über den Film reden und die beiden haben zusammen mit Torsten Sträter einen der besten Nerdpodcasts überhaupt in Deutschland. Insbesondere Hennes Bender machte mich sehr nachdenklich. Als ein bekannter Stand-Up-Comedian in Deutschland sah er einige Dinge anders und diskussionswürdig.

Und was hat das jetzt alles mit Batman zu tun? Nichts und eben alles. „Joker“ ist keine Comicverfilmung im klassischen Sinne, aber er ist ein Film, der von Comic Figuren inspiriert wurde. Gerade als Batman Fan sollte man unbedingt die Augen offenhalten. Denn es gibt dutzende kleine und größere Easter Eggs aus dem Batman-Kosmos.

Und die letzte Frage? Ist das jetzt der Joker? Jener Antagonist, der dem dunklen Ritter das Leben schwer macht? Die Frage lässt sich nicht beantworten und ist letzendlich nicht mehr wichtig. „Joker“ ist die vielleicht realistischste Verfilmung einer Comicfigur überhaupt. Selbst Nolans Batman Filme wirken dagegen wie Märchenfilme. Alle Inkarnationen  des Jokers die wir bis jetzt erleben durften, waren letztendlich nur Fantasien der jeweiligen Filmemacher. Er war das wahnsinnige Genie, der ruchlose Massenmörder, der psychopathische Killer und vieles mehr, aber er war nie ein Mensch den man tatsächlich auf der Straße begegnen könnte. Hier ist das anders, dieser Joker könnte einem tatsächlich in der U-Bahn gegenüber sitzen und das macht mir sehr große Angst.

Auf der einen Seite wäre es faszinierend zu sehen, wenn Batman gegen diese Inkarnation des Jokers antreten würde. Auf der anderen Seite ist es absolut schwer vorstellbar, dass in diesem realistischen Spiegelbild unserer Realität ein Batman überhaupt existieren könnte. Auch wenn die Batmanmythologie gegeben bleibt, könnte durchaus etwas anderes passieren und das ist vielleicht dass Erschreckendste überhaupt an diesem Film. Alles und nichts ist möglich. Er ist eine weitere mögliche Origin-Story einer der beliebtesten Comic Bösewichte überhaupt und dabei lässt er uns in die Abgründe einer zutiefst kranken Seele blicken und das macht ihn einmalig und verstörend.

 

torsilinfo
Grumpy Old Man, Mediengestalter Bild- und Ton, Film- und Superheldenfan seitdem ich laufen kann. Begeisterter Hobbypodcaster bei www.batmannews.de.

9 comments

  1. Visual Noise sagt:

    Oh yeah! Hatte gehofft, hier nochmal einen einzelnen wohl formulierten Beitrag lesen zu können. Wird meine heutige Abendlektüre! xD Danke schon mal im Voraus für die investierte Zeit! ^^

  2. Florian Florian sagt:

    Das Review macht richtig Appetit auf den Film. Auch finde ich es positiv,dass Gerd hier nichts gespoilert hat-sowas bekommt leider nicht jeder Autor hin.

  3. Visual Noise sagt:

    Okay…musste es mir doch gleich durchlesen! xD Das war ja eine überraschend erstklassig positive Kritik! Die Auffassung der kurz erwähnten „Verdrängungsmechanismen“ kann ich zu 100% teilen! Freu mich auf das verstörende Kinoerlebnis!? ^^

  4. WruceBayne sagt:

    Toller Artikel! Es ist immer wieder interessant, wie man in allen Formen der Kunst so eine Art Pendel vorfindet, was den Ton und Zeitgeist vorgibt. Man schlägt immer von einer Extreme in die andere Extreme, das kann man in allen Musikstilen, Baukunst, Filmen und allen möglichen anderen Feldern über Jahre (Jahrhunderte!) beobachten.
    Im Falle von Batman gab es nach den Schumacher Filmen die Dark Knight Triolgie.
    Batman & Robin und The Dark Knight könnten vom Ton ja nun wirklich nicht unterschiedlicher sein. Batman V Superman Justice Leauge war dann wieder etwas verspielter und bunter, aber hatte halt noch immer die zeitgemäße Düsternis. Man lernt halt immer aus jedem Versuch und einer Etxtreme etwas neues und was auf der Leinwand klappt.
    Ich finde es interessant, dass in dem Artikel ewähnt wird „Selbst Nolans Batman Filme wirken dagegen wie Märchenfilme“. Ich dachte mir damals im Kino bei den Nolan Filmen „Jetzt kann es aber nicht mehr realistischer werden!“, aber das ist jetzt auch schon wieder über zehn Jahre her…
    Bin auf jeden sehr auf den Film im Kino und das Seherlebnis die Tage gespannt.
    Jetzt wo das Pendel bei Warner wieder bei Realismus liegt, bin ich auch sehr gespannt, was diesbezüglich auch aus dem nächsten Batman Solo Film wird.

  5. Alex H sagt:

    Lieber Gerd, vielen Dank für Deine tolle Review. Bei dem Erlebnis wird man ja ganz neidisch. 🙂 Freue mich riesig den Film bald sehen zu können und auf Euere Filmbesprechung .

  6. Schiller sagt:

    Hey Gerd, dein Erlebnisbericht war genau die richtige Darbietungsform 😉 Liest sich sehr schön und flüssig. Und du hast die Kunst vollbracht, uns einen Film näher zu bringen, ohne ihn zu spoilern. Eine Kunst, die ich für längst vergessen hielt. Danke. SBS anzuquatschen ist natürlich ne coole Nummer :-D. Kannst du verraten, was Henning Bender kritisiert oder würde das zu Spoilern führen? Deren dazugehörige Podcast-Episode möchte ich mir nicht anhören, der Sträter spoilert ständig 🙂

    • Gerd Richter sagt:

      Tatsächlich müsste ich Spoilern wenn ich Hennes Benders Kommentar vertiefen würde. Und generell sollte man sich deren Podcast immer erst anhören wenn man die entsprechenden Filme gesehen hat.😀 Aber dann sind sie klasse.

  7. Danny O sagt:

    Jetzt mal Butter bei die Fische! Wie war die deutsche Synchro-Fassung? Einigermaßen OK, oder sind herbe Schnitzer drin, so wie bei THE DARK KNIGHT…

    Simon Jäger sprach damals scheinbar Heath Ledgers Part mit ’ner Wäscheklammer auf der Nase ein. „Tada! Der Kindergarten-Clown ist da!“

    Würg, einfach furchtbar…

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