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Gotham People

The Dark Knight

DAS NOLAN-INTERVIEW, TEIL 1

L.A.-Times Redakteur Geoff Boucher sprach mit Chris Nolan in einem 3-teiligen Interview über seine Erfahrungen mit ‚The Dark Knight‘, über einen eventuellen dritten Teil, seiner Lieblingsszene, Comic-Crossover, und über eine Oscar-Nominierung. Lest hier das komplette Interview in der deutschen Übersetzung.

Willkommen zurück in L.A. Welche Überraschungen haben Sie seit dem Start von ‚The Dark Knight’ erleben dürfen?

Es war schon witzig. Ich wurde sehr oft auf die politischen Themen angesprochen, die manch einer in dem Film entdeckt haben will. Aber ich verwehre mich diesen Analogien (lacht). Als David Goyer, Jonathan und ich uns die Story ausdachten, haben wirklich nicht an so was gedacht. Aber nehmen wir nur mal die Verhörszene mit Batman und dem Joker – hier gibt es zwar überhaupt keinen politischen Bezug an sich, aber es war für mich schon faszinierend, wie die Schauspieler hier ein Paradoxon erforschen konnten: Wie bekämpft man jemanden, der seine Energie hauptsächlich aus Aggression schöpft?

Mich hat es jedes Mal geschüttelt, wenn ich einen Artikel gelesen habe, in dem jemand in ihrem Film eine politische Botschaft entdeckt haben will. Ich glaube, dass sagt mehr über mein Business aus, als über Ihres.

(lacht) Ja, da könnten Sie recht haben.

Für mich hat es den Anschein, dass in Ihrem Genre politische Bezüge eher vom Zuschauer gesehen werden, als vom Regisseur selbst. Eine Schlussfolgerung, die nicht beabsichtigt war.

Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Besonders wenn man es richtig macht. Besonders wenn man in diesem Genre arbeitet, welches sich einer überhöhten Wirklichkeit bedient. Ich spreche gerne über diese Filme, da es um eine opernhafte Inszenierung geht oder man auf dieser hohen Ebene arbeitet und man sich ein wenig vom Rhythmus des realen Lebens entfernt, egal wie sehr wir auch versuchen eine Szene realistisch umzusetzen. Für diese Szene zum Beispiel wollten einen rauen Realismus erzeugen, dennoch bleibt es eine überhöhte Wirklichkeit. Wir haben versucht auf einem mehr universellen Level zu arbeiten. Wenn man das richtig macht, bekommen die Leute die Möglichkeit ihre eigenen Interpretationen aufzustellen, immer abhängig davon, wer sie selbst sind. Dies ermöglicht es der Figur eine Verbindung zum Publikum aufzubauen. Es erlaubt dem Publikum eine Beziehung zu Batman und seinem Dilemma aufzubauen. Und dabei ist es egal, ob man selbst Republikaner, Demokrat oder sonst was ist.

‚The Dark Knight’ erreicht nun bald die 1-Milliarde-Grenze. Kann man solch einen Erfolg überhaupt fassen?

Ehrlich gesagt nein. Es ist etwas verwirrend. Einerseits ist das ausgezeichnet, auf der anderen Seite aber auch abstrakt. Die Zahlen sind so unfassbar. Mich würde interessieren wie es aussehen würde, wenn man all die Leute, die ‚The Dark Knight’ gesehen haben, den Leuten gegenüberstellt, die den ersten Film gesehen haben. Wie wir das Publikum vom ersten Film an erweitern konnten – das war wirklich beeindruckend.

Wir waren über den Erfolg des ersten Films sehr glücklich, wussten allerdings nicht, wohin es von hieran nun gehen könnte. Dass es sich nun zu solch einem Phänomen entwickelt hat, ist dafür umso erfreulicher. Ich habe an die sechs Jahre meines Lebens an den Batman-Filmen gearbeitet. Es wurde zu einem Bestandteil meines Lebens. Man wird davon besessen und es macht schon Spaß zu sehen, wenn andere Menschen diese Besessenheit teilen und sich den Film gleich mehrmals ansehen.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Nein, solch einen Erfolg kann man nicht fassen, das ist auch nicht möglich. Es beruhigt mich zu wissen, dass der nächste Film – welcher das auch immer sein mag – bei weitem nicht soviel Geld einspielen wird (lacht). Das brauche ich die nächsten Jahre auch gar nicht erst versuchen.

Ihr nächster Film könnte ja den Titel ‚Batman und das Geheimnis der Titanic’ tragen?

Da könnten Sie Recht haben, das wäre es vielleicht.

Wenn man sich ‚The Dark Knight’ so ansieht, kann man sich gut vorstellen, dass der Joker nach Gotham City zurückkehren könnte, da sein Schicksal noch offen stand. Liebäugelten Sie schon mit der Rückkehr des Jokers in einem dritten Film, als Sie am Drehbuch zu ‚The Dark Knight’ arbeiteten?

Nein, ganz offen und ehrlich – ich kümmere mich immer nur um einen Film. Dagegen musste ich mich schon des Öfteren wehren. Wir hatten nie vor etwas für eine Fortsetzung aufzuheben oder aufzubauen. Das mag manch einer nicht glauben, da wir ‚Batman Begins’ mit einem Cliffhanger enden ließen. Aber mir ging es nur darum, dass die Leute begeistert das Kino verlassen und sich im Kopf ausmalen konnten, wie es nun weitergehen könnte. Sie haben nun gesehen, dass er in diesem Film zu Batman wurde. Deshalb erscheint der Filmtitel auch erst am Ende des Films, da dies den Beginn von Batman darstellte. Und nur darum ging es.

Erst dann war auch ich von der Idee angetan zu sehen, wohin die Reise für diese Figur geht. Das war zwar im Voraus geplant, blieb sich aber seiner Linie treu. Wir haben wirklich hart daran gearbeitet den Joker in diese Geschichte einzuflechten. Jokers letzter Hohn und Spott auf Batman sollte sein, dass sie nur aufgrund von Batmans Regeln sich im ständigen Kampf befinden. Denn hier entsteht ein Paradoxon: Batman will nicht töten. Und der Joker ist von Batman so fasziniert, dass er es genießt sich mit ihm anzulegen und überhaupt kein Interesse daran hat, Batman völlig loszuwerden. Für beide stellt dies einen Teufelskreis dar. Und so war dies auch gedacht. Und Heath erschuf dann auch noch eine der außergewöhnlichsten Figuren, von denen man gerne 10 weitere Filme sehen würde. Das ist eine zwiespältige Sache. Es war eine unglaubliche Charakterzeichnung. Für uns alle war dies eine zwiespältige Sache.

Nach dem enormen Aufwand, den Sie für den Dreh von ‚The Dark Knight’ auf sich genommen haben, denkt da an ein Teil von Ihnen als nächstes einen etwas kleineren, bescheideneren Film zu drehen?

Einerseits ja. Nach ‚Batman Begins’ hatte ich das Gefühl erstmal etwas Kleineres machen zu müssen. Was mich aber an ‚The Dark Knight’ gereizt hat, war es die IMAX-Technologie einzusetzen und in diesem überlebensgroßen Format zu arbeiten. Das hat eine menge Spaß gemacht. Mich reizen nun beide Richtungen. Vielleicht muss ich als nächstes eine kleine Story in einem übergroßen Format drehen. Oder umgekehrt (lacht).

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das jetzt verstanden habe.

Ja, da bin ich mir selbst nicht sicher (lacht). Aber letztendlich kommt es auf die Geschichte an. Ich fühle mich von den großen Dingen wie von den kleinen Dingen angezogen. Deswegen kann ich dazu nichts eindeutiges sagen …

Vielleicht sollten Sie eine kleine Geschichte an einem riesigen Ort drehen. „Mein Essen mit André“ auf dem Gipfel des Mount Everest, zum Beispiel.

Oder im All. Das könnte funktionieren.

Könnten Sie sich eigentlich vorstellen, keinen dritten Batman-Film zu drehen?

Nun, wie soll ich mich ausdrücken. Zwei Sachen vorweg: Erstens liegt der Schwerpunkt auf der Story. Um was soll es gehen? Gibt es eine Geschichte, die mich so emotional packt, dass ich weitere Jahre in einen Film investieren will? Das ist die grundlegende Frage. Und auf einer oberflächlichen Ebene gefragt: Wie viele gute dritte Teile eines Franchises können die Leute aufzählen? (lacht) Andererseits mussten wir uns schon mit diesem Film der Herausforderung stellen, einen großartigen zweiten Teil abzuliefern – und davon gibt es auch nicht gerade viele. Letztendlich geht es wirklich nur um die Story. Wenn es eine Geschichte zu erzählen gibt, dann ist alles möglich. Ich hoffe, dass war eine entsprechend gerissene Antwort.

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