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Gotham People

The Dark Knight

DAS NOLAN-INTERVIEW, TEIL 2

Welche Szene aus ‚The Dark Knight’ würden Sie als den essentiellen Moment des Films bezeichnen?

Das ist recht einfach zu beantworten. Für mich ist die Verhörszene zwischen Batman und dem Joker der wichtigste und zentrale Punkt des Films. Als wir das Drehbuch schrieben, war dies immer der zentrale Punkt, den wir knacken wollten.

An welchem Punkt der Dreharbeiten wurde die Szene gedreht?

Schon recht früh. Eigentlich war es sogar eine der ersten Szenen, die Heath als Joker hatte. Er erzählte mir, dass er tatsächlich enorm aufgeregt war schon so früh eine solch große und wichtige Szene, eine der Schlüsselszenen des Jokers, in den ersten 3 Wochen des 7-monatigen Drehs drehen zu dürfen. Wir beide mochten die Idee einfach loszulegen, wie es auch Christian Bale machen musste.

Wir haben die Szene nur ein wenig geprobt. Während der Vorproduktion gingen wir die Szene ein paar Mal durch um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob sie funktioniert. Aber keiner von ihnen wollte schon während der Probe alles geben. Die Kampf-Choreografie mussten sie einstudieren, aber selbst da wollten wir es frei und improvisiert halten. Sie wollten es sich aufbewahren. Wir waren alle sehr aufgeregt diese vielen Dialoge und intensiven Szenen zwischen diesen beiden Kult-Figuren zu inszenieren. Batman dem Joker gegenüber sitzen zu sehen hatte schon etwas Bizarres (lacht). Danke, dass Sie danach gefragt haben. Wissen Sie, über diese Szene könnte ich eigentlich stundenlang sprechen.

Zudem hatten wir auch genügend Zeit diese Szene zu drehen, da wir uns noch am Anfang des Drehplans befanden. Oft hängt man dem Plan hinterher und die Zeit läuft einem gegen Ende des Drehs davon. Dann kann es eng werden. Meist gibt man der Crew, den Schauspielern und auch mir am Anfang die Zeit sich aneinander zu gewöhnen und seinen eigenen Platz zu finden. Hier hatten wir nur ein paar Tage.

Haben Sie noch eine bestimmte Erinnerung an den Dreh dieser Szene?

Das Set, welches in einem Gebäude errichtet wurde, war großartig. Es hatte den Vorteil, dass es sich nach einem real existierenden Ort anfühlte. Nathan Crowley, unser Production Designer, baute diese sensationellen Spiegel und diesen langen, gekachelten Raum, in dessen Look ich mich einfach nur verlieben konnte. Der Raum erinnerte mich an ein Schlachthaus. Dies passte einfach zur Brutalität der Szene. Wir wollten sehr rau und brutal wirken. An diesem Punkt sollte Batman vom Joker auf die Probe gestellt werden. Hier merkt man auch, wie es dem Joker möglich ist, jedem unter die Haut zu gehen. Das habe ich an dieser Szene jetzt erst erkannt – vorher war mir dies gar nicht bewusst – alles was mich am Filmemachen am meisten interessiert, kommt in dieser Szene zusammen.

Die Szene beginnt mit Gary Oldman und Heath. Die Lichter sind aus. Kameramann Wally Pfister lies den Raum nur mit einer Tischlampe beleuchten. Nur die Tischlampe, nichts anderes. Als dann das Licht angeht, erkennt man Batman und alles ist massiv überbelichtet. Wally überbelichtete die Szene an die 5-mal mehr wie es ansonsten üblich wäre und korrigierte dies nachträglich um wieder Farbe ins Bild zu bringen. Aber es war dieses unglaublich intensive Oberlicht, welches uns erlaubte in jegliche Richtung zu gehen. Wir nutzten eine Handkamera und drehten von überall, von wo wir wollten. Alles war sehr spontan.

Aus kreativer Sicht wollte ich hier die Erwartungen umdrehen. Es gab schon eine menge düstere Verhörszenen, in der jemand ins Kreuzverhör genommen wird. Dies wollten wir nun komplett auf den Kopf stellen. In diesem hellen, grellen, kalten Licht sieht man Jokers Make-up und wie von seiner Haut rinnt. Der Batsuit wurde für diesen Film überarbeitet. Und im Gegensatz zu dem Suit aus ‚Batman Begins’ kann man diesen sehr detailliert zeigen und hält auch diesem hellen Licht stand. Der Suit wirkte diesmal weitaus realistischer und funktionell. In dieser Szene ging es darum, etwas Realistisches und Brutales zu zeigen und um eine gewisse Rauheit zu erzielen.

Die unterschiedliche Präsenz der beiden Schauspieler in dieser Szene ist bemerkenswert: Christian ist diese dunkle Masse voller Wut, und Heath stellt eine spindeldürre Verrücktheit dar.

Ja, und ich glaube, dass bemerkt man schon am Anfang der Szene, wenn alles in Nahaufnahmen gehalten ist. Es sind sehr enge Bildausschnitte, mit nur leichten Bewegungen der Kamera. Wir haben sehr kontrolliert angefangen, aber als Heath vor und zurück rutscht – und er rutschte wirklich aus der Brennebene der Kamera vor und zurück – ist es sehr schwer jemanden zu folgen, wenn er sich ständig in Richtung Kamera bewegt. Aber letztendlich hat es der Szene das gewisse Etwas gegeben. Wir haben ständig versucht ihn wieder mit dem Focus einzufangen. Man sieht wirklich seine vor und Zurück-Bewegungen. Selbst in solch einem engen Bildausschnitt hat es etwas Fremdartiges an sich.

Und dann kommt der Moment, in dem das Fass überläuft und sich in eine körperliche Auseinandersetzung wandelt und Batman den Joker über den Tisch zieht. Ab diesem Moment arbeiten wir mit einer Handkamera und drehten damit die restliche Szene, um frei in unseren Bewegungen zu sein. Sie hatten die Stunts und den Kampf sehr genau geprobt, aber wir wollten den Schauspielern ihren Freiraum lassen. Ich habe noch nie erlebt, wie jemand einen Schlag von Christian so rüberbringen kann wie Heath. Ich habe die Gewalt bekommen, die ich wollte. Mein Gefühl war aus kreativer Sicht wirklich wichtig für mich, denn diese Szene zeigt, dass Batman zu weit geht. Wir zeigen ihn, wie er jemanden aus persönlichen Gründen foltert um an Informationen zu kommen.

Schon bei ‚Batman Begins’ haben Christian und ich uns oft darüber unterhalten, ob es einen Moment gibt, in dem Batman zu weit geht. Einen Moment, in dem seine Wut überschäumt und er seine eigenen Regeln bricht. Diesen Moment haben wir aber nie gefunden. In dieser Geschichte gab es so etwas nicht. Es gab zwar eine Stärke und Aggressivität in seiner Rolle, aber die Story bot keine Grundlage für einen Verlust seiner Selbstkontrolle.

Im zweiten Film bringt der Joker diesen Ansatz mit sich, denn seine gesamte Motivation besteht darin, bei den Leuten bestimmte Schalter umzulegen, damit sie ihre eigenen Regeln gegen sich anwenden. Batman sind seine Regeln sehr wichtig, sie stehen für seine Moral. Aus seiner Sicht unterscheidet er sich damit von anderen Gesetzlosen. Der Joker schafft es ihn zum Umdenken zu bewegen und sein Handeln zu hinterfragen.

Im ersten Film wirkte Batmans Aggression wie Schauspielerei – eine kalkulierte Show um Menschen einzuschüchtern. Im ersten Film ging es um Batmans Angst. Der zweite Film dreht sich um seinen Zorn.

Exakt. Das ist auch der Grund, warum wir nie den Moment gefunden haben, bei dem er Gefahr läuft, zu weit zu gehen. Dieser Zorn ist ein sehr wichtiger Punkt der ‚The Dark Knight’-Story. Die Verhörszene ist der Moment, an dem sich der ganze Film wendet. Batman und auch Bruce Wayne finden in dieser Szene sehr viel über sich selbst heraus. Es war einfach toll mit anzusehen, wie Christian diesen Zorn rüberbringen kann. Und es stellt einen wunderbaren Ausgleich zu Garys kontrolliertem Verhalten dar.

Auch wenn sich jeder bei der Szene an den Joker und Batman erinnert, so spielte Gordon darin eine sehr wichtige Rolle um diese Szenerie aufzubauen und um das Verhör überhaupt möglich zu machen. Dann erkennt er durch den Spiegel den Moment, an dem sich die Situation zuspitzt. Er kennt Batman inzwischen gut genug um dies zu erkennen. Er versucht noch in den Raum zu gelangen, aber Batman hat schon die Tür verriegelt.

Als Batman auf den Joker einprügelt gelang es Heath die Essenz der Bedrohlichkeit des Jokers zu finden und zu zeigen wer er ist: Er wird ins Gesicht geschlagen und lacht einfach nur und genießt es. Man ist hilflos. Wie er schon zu Batman sagt: „Soviel Kraft und du kannst nichts damit anfangen“. Für den gepanzerten und kräftigen Batman ist dies ein Moment der Ohnmacht. Er ist voller Kraft, kann diese aber nicht auf eine vernünftige Art einsetzen. Dieser Situation muss er sich nun stellen.

Gegen Ende der Szene, wenn der Joker seine Informationen preisgibt, hat ihn Christian ursprünglich fallen gelassen und ihm nachträglich einen Tritt gegen den Kopf verpasst, bevor er den Raum verlässt. Das haben wir weggelassen. Das wirkte etwas zu trotzig für Batman. Auch so mochte ich Christians Spiel in dieser Szene: Wenn er den Joker loslässt und die Sinnlosigkeit seines Handelns erkennt, kann man dies in seinen Augen sehen. Wie bekämpft man jemanden, der sich von solch einem Kampf nährt. Ein sehr offenes Ende bleibt dabei zurück.

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  1. Jack Nicholson über den neuen Joker
  2. 3 Hot Dogs für Batman
  3. Das Nolan-Interview, Teil 1
  4. Das Nolan-Interview, Teil 2
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